Ich bin ein super männliches Vorbild
Veröffentlich von Katharina Runge am 4. Mai, 2012
Neulich reparierte ich das Fahrrad meiner Schwiegermutter. Es stand seit mehreren Jahren ungenutzt im Keller, weil es einen Platten hatte. Ich liebe es, Dinge zu reparieren. Als wir jüngst ein Wochenende bei ihr verbrachten, machte ich mich ans Werk. Der Tag hatte definitiv seinen Höhepunkt, als meine Schwiegermutter aus einer dunklen Ecke des Kellers das Werkzeug ihres vor über zehn Jahren verstorbenen Mannes herausholte.
Es war RICHTIGES ECHTES WUNDERBARES Werkzeug! Nachdem wir alle zuvor mit dem zum Fahrrad gehörendem Werkzeug gescheitert waren, lösten sich nun die Muttern mit einer fantastischen Leichtigkeit. Ich glaube nicht, dass ich jemals mit so gutem Werkzeug gearbeitet habe.
Die Fahrradreparatur für meine Schwiegermutter wurde zum Schlüsselerlebnis. Plötzlich erwischte ich mich dabei, wie ich auf den Webseiten einschlägiger Läden nach Spielzeugwerkzeug für Jordan suchte. Und mich an meine Liste dämlicher Fragen erinnerte. So zum Beispiel: „Hat der Junge genügend männliche Vorbilder?“ Na, wenn ich kein gutes männliches Vorbild bin, dann weiß ich auch nicht.
Diese Frage wird mir sowieso immer suspekter. Neulich sprach ich mit einer Bekannten darüber, die ein männliches Vorbild auch wahnsinnig wichtig findet. Zum ersten Mal traute ich mich, zu fragen, warum eigentlich. Es ging vor allem um die sexuelle Aufklärung. Ich gab zu bedenken, dass ein Junge, selbst wenn er mit seinem Vater oder einer anderen männlichen Bezugsperson aufwächst, vielleicht trotzdem nicht mit demjenigen darüber sprechen möchte. Ich jedenfalls habe nie mit meiner Mutter über Sex oder Geschlecht geredet. Und ich bin ziemlich sicher, dass keiner meiner drei Halbbrüder je mit seinem leiblichen Vater oder mit meinem Vater darüber sprach.
Ich glaube vielmehr, wie auch immer die Eltern-Konstellation aussieht, es ist deren Aufgabe, eine Offenheit zu schaffen, die es erlaubt, das Thema Sexualität so entspannt wie möglich anzugehen. Und wenn es unbedingt notwendig sein sollte, holen wir dafür auch seinen Vater und/oder einen guten Freund zur Hilfe – alles andere schaffe ich auch alleine! Bitte nicht falsch verstehen, ich möchte keinesfalls unseren Sohn von Männern fernhalten. Wie sollte das auch gehen. Aber ich bin es leid, mir unterstellen zu lassen, dass ich irgendetwas nicht kann, was Männer können.
Spielzeugwerkzeuge gibt es für Kinder nur ab drei Jahren. Ich muss mich also noch eine Weile gedulden. Ich weiß jedenfalls jetzt schon, was Jordan zu seinem dritten Geburtstag von mir bekommt. Und ich kann es kaum abwarten, mit ihm gemeinsam Dinge zu reparieren. Ich sehe uns beide schon die Köpfe über seinem Dreirad zusammenstecken. Sehe uns über den Konstruktionsplänen der schönsten Drachen, die der Herbstwind je gesehen hat. Ich sehe uns über kniffligen Problemen tüfteln.
Bleibt zu hoffen, dass der arme Junge das auch mag! Naja, er darf gerne auch musisch begabt sein, dann machen wir zusammen Musik. Oder wir malen, darauf freue ich mich ebenso. Er liebt es schon jetzt, zu kritzeln und sobald er einen Stift in die Hand bekommt, schaut er sich suchend nach einem Stück Papier um. Das finde ich sehr süß. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn auf etwas anderes zu malen als auf Papier – naja, das kommt vielleicht noch …







