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Endlich Eltern: die Adoption unseres Sohnes

Veröffentlich von Katharina Runge am 19. Januar, 2012

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Ich habe es ganz vergessen, zu erzählen, hier im Blog. Dabei war es so ein schönes Erlebnis – wie konnte ich es nur vergessen? Und zwar: Jordans Stiefkindadoption durch meine Frau. Ich war überrascht, dass es ein schönes Ereignis war. Denn zuerst empfand ich es als einen lästigen, bürokratischen Akt mit durchaus diskriminierenden Zügen. Natürlich ist er das auch. Ich bin der Meinung, dass zwei Menschen, die gemeinsam beschließen, ein Kind zu bekommen, automatisch auch als Eltern verstanden werden sollten. Aber dazu später.

Bei uns ging es reibungslos und schnell. Schon vor der Geburt hatten wir uns einige Male beim Notar beraten lassen. Acht Wochen nach der Geburt konnte dann der Antrag auf Stiefkindadoption gestellt werden. Zunächst brauchten wir jede Menge Dokumente, die insgesamt nicht gerade wenig Geld kosteten. Meine Frau brauchte ein polizeiliches Führungszeugnis und ein ärztliches „Adoptionseignungsattest“ und eine Gerburtsurkunde. Ich musste eidesstattlich versichern, dass die Vaterschaft weder anerkannt noch gerichtlich festgestellt wurde und dass mir der Vater unbekannt sei. (Letzteres konnte ich nicht machen, weil er mir bekannt ist, wir aber vereinbart hatten, dass er in dem Verfahren nicht genannt wird.) Dazu kam noch ein aktueller Auszug aus dem Geburtsregister für Jordan und eine beglaubigte Kopie unserer Partnerschafturkunde. Ich glaube insgesamt haben wir mehr als 200 Euro ausgegeben.

Als das alles beisammen und eingereicht war, bekamen wir Besuch vom Jugendamt. Wir plauderten sehr nett mit der Dame, die dann sagte: „Also, ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass Sie sich das nicht gut überlegt hätten.“ Dann war sie wieder weg. Einige Zeit später wurden wir zum Gerichtstermin geladen mit der Begründung, das Gericht wolle sich ein Bild von unserer Lebenssituation machen. Wir waren schon ein bisschen aufgeregt. Ich telefonierte noch einmal mit unserem Notar und ließ mich beraten, was ich tun solle, wenn der Richter – weiterhin – nach dem Namen des Vaters fragen sollte. Er beruhigte mich, dass das alles halb so wild sein würde, niemand mich zwingen kann, den Namen zu sagen.

Dennoch war ich unsicher. Auf dem Weg zum Gericht schärfte ich meiner Frau ein, freundlich zu bleiben und nicht mit dem Richter über das Verfahrens zu diskutieren. Sie hielt sich auch daran und der Termin verlief ziemlich entspannt. Unseren Fall hatte, nachdem er zunächst von einer recht streng erscheinenden Richterin bearbeitet worden war, ein junger freundlicher Richter übernommen. Auch er erklärte mir, dass er dazu angehalten ist, nach dem Vater zu fragen, dass er mich aber nicht zu einer Antwort zwingen könne. Er war so freundlich, dass ich dann doch über die Unsinnigkeit des Verfahrens einige Worte verlor, aber nach wenigen Minuten erhoben wir alle uns feierlich und der Richter verkündete „im Namen des Volkes …“. Steffi war jetzt ganz offiziell Jordans Mutter. Wir hatten gar nicht damit gerechnet. Wir hatten die Vorstellung, dass wir da hingehen würden, und wir nach dem Gespräch irgendwann ein Dokument zugestellt bekämen, das unsere Elternschaft beurkundet. Stattdessen urteilte der Richter sofort, alles war rechtskräftig und ich war so gerührt, dass ich weinen musste. Das Gefühl, dass wir nun wirklich offiziell Eltern sind, war überraschend erhebend.

Vielleicht hatten wir einfach Glück, dass dieser Richter unseren Fall übernommen hat. Von den meisten befreundeten Paaren höre ich, dass alles wesentlich länger dauert. Entweder brauchen die Richter oder Richterinnen ewig für die Bearbeitung oder das Jugendamt schickt über Monate seinen Bericht nicht oder beides. Ich bin dafür, dass all das abgeschafft wird. In einer Ehe ist automatisch immer der Ehemann Vater, auch dann wenn das Kind durch künstliche Befruchtung und durch Samenspende entstand. Ich finde, das sollte in einer eingetragenen Partnerschaft genauso sein.

Rollenwechsel: Ich gehe wieder arbeiten

Veröffentlich von Katharina Runge am 10. Januar, 2012

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Als Jordan sechs Monate alt war, ging ich wieder zur Arbeit. Ich freute mich sehr, meine Kollegen und Kolleginnen wiederzusehen und kreativ sein zu können. Ich wurde herzlich empfangen. Alle fragten nach, wie es uns ergangen sei und wie es wäre, jetzt wieder zu arbeiten. Witzigerweise fragten fast alle: „Und wo ist jetzt dein Kind?“ Als ich dann antwortete, „zu Hause bei meiner Frau“, schüttelte man den Kopf, weil man das Naheliegende nicht bedacht hatte.

Traditionelle Familienbilder leben weiter
Ein bisschen irritierte mich das schon. Alle wissen natürlich, dass ich das Kind gemeinsam mit meiner Frau bekommen habe und viele kennen sie auch. Aber sie kamen nicht auf die Idee, dass sie sich jetzt um unser Kind kümmern könnte – stattdessen sahen sie es in einer Fremdbetreuung oder bei den Großeltern. Ich glaube, es liegt bei vielen am berühmten „Unwissen“, sie alle – übrigens auch viele unserer homosexuellen Freundinnen und Freunde – haben das traditionelle Familienbild im Kopf: Vati geht arbeiten, und kann da auch nicht weg, um das Kind zu betreuen, und die „Gebärende“ bleibt mit dem lieben Kleinen zu Hause. Und wenn sie nicht zu Hause bleibt, ist das Kind alleingelassen.

Auch für mich selbst war es am Anfang schwierig, wieder in die neue Rolle zu finden. Sechs Monate lang war ich nur für mein Kind da. Ich wusste, wann es was brauchte und wir hatten uns gut aufeinander eingespielt. Nun saß ich in der Arbeit und vermisste meinen Sohn. Kurz vorher hatten wir angefangen, mit ihm essen zu üben. Jordan mochte keinen Brei, auch keine Flasche. Er verschmähte alles, was nicht direkt aus meiner Brust kam. Meine geduldige Frau kochte Brei in unterschiedlichen Konsistenzen: stark püriert und mit Muttermilch verdünnt, weniger stark püriert ohne Muttermilch, … Er fand das alles interessant, griff gierig nach dem Schälchen, aber nach drei Löffeln war die Euphorie verflogen. Auch das Fläschchen konnte unserem Sohn gestohlen bleiben.

Mit den Gedanken beim Kind, das nicht essen will
Es brach mir das Herz. In den ersten Wochen fuhr ich nach vier Stunden Arbeit nach Hause, stillte ihn, und arbeite weiter von dort. Aber lange ließ sich das so nicht machen und der Gedanke, dass er nichts zu sich nahm, war für mich kaum auszuhalten. Dazu muss man allerdings sagen, dass unser Kind extrem wohlgenährt war. Viele waren der Meinung, Jordan würde sich schon ans Essen gewöhnen, wenn er merke, dass nichts anderes mehr zur Verfügung stehe. Und wenn er ein paar Tage etwas weniger bekäme, würde er ja nicht vom Fleisch fallen. Sie mögen alle recht gehabt haben, aber ich fand es dennoch schrecklich.

Es hat eine Weile gedauert, aber dann wurde Jordan doch ein ganz guter Esser. Er lernte sogar, aus der Flasche zu trinken – gerade als ich dachte, dass er es nun auch nicht mehr lernen müsse. Am Ende trank er sogar Pulvermilch.

Meine Frau und Jordan sind ein super Team
– ich genieße es, das zu sehen

Und nun bin ich also „Vati“: Ich sehe mein Kind im Höchstfall drei Stunden am Tag. Wenn wir am Wochenende einen Ausflug machen, weiß ich nicht, was ich alles für das Kind mitnehmen muss. Ich weiß nicht mehr, wann er wie viel isst, und abends frage ich meine Frau nach seiner Verdauung. Derweil sind Steffi und Jordan ein unschlagbares Team. Sie sind bestens aufeinander eingestimmt und lieben sich heiß und innig. Oft weint Jordan, wenn meine Frau aus dem Zimmer geht und reckt seine Arme in ihre Richtung. Ich finde es herrlich, das zu sehen. Wenn die beiden sich anschauen, sprühen die Funken. Steffi weiß, wie sie ihn aufmuntert, wenn er keine Lust auf Wickeln oder Anziehen hat oder im Auto schlechte Laune bekommt. Sie weiß, was er am liebsten isst und wann und wie er am liebsten schläft. Und ich genieße es, abends nach getaner Arbeit nach Hause zu kommen und von einem strahlenden Kind empfangen zu werden, das mir aufgeregt entgegen krabbelt.

Es gab Momente, in denen ich an unserem Vorhaben, die Elternzeit aufzuteilen, zweifelte. Ich dachte darüber nach, alles umzustoßen und erst nach einem Jahr wieder arbeiten zu gehen. Inzwischen freue ich mich, dass ich diesem Gefühl nicht nachgegeben habe. Ich finde es super, zu arbeiten, und meine Frau genießt die Zeit mit unserem Kind. So bin ich wirklich gerne der „Vati“.

Geschenke, Geschenke, Geschenke

Veröffentlich von Katharina Runge am 4. Januar, 2012

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Unser erstes Weihnachten liegt hinter uns. Noch ist Jordan zu klein für glänzende Augen und große Erwartungen. Ich habe festgestellt, dass mich diese Vorstellung auch eher beunruhigt. Dieses bange Warten, ob die Wünsche erfüllt werden, ist mir suspekt. Das Prinzip, bei Kindern Hoffnungen zu wecken, um sie dann großzügig zu erfüllen, finde ich fragwürdig. Vielleicht sehe ich das zu kritisch, aber diese Geschenke-Arien habe ich noch nie gemocht.

Zum Glück ist es Jordan noch herzlich egal, woher die Gegenstände kommen, mit denen er sich befasst. Doch eines Tages wird sich das ändern und ich hoffe ich werde gelassen damit umgehen können. Ich hoffe, dass er sich einfach über seine Geschenke freuen wird und was da alles dranhängt, Dankbarkeit, Liebe und so weiter, das wird er dann auch lernen, so ist nun mal das Leben.

„Für Weihnachten und Geburtstag zusammen“

Bei uns kommt hinzu, dass Jordans Geburtstag und Weihnachten sehr dicht beieinander liegen. Schon während der gesamten Schwangerschaft sagten alle: „Oh, hoffentlich kommt er nicht an Weihnachten.“ Das nervte mich nach einer Weile so sehr, dass ich es selber gar nicht mehr so schlimm gefunden hätte, wenn es passiert wäre. Nun hat Jordan einige Tage nach Weihnachten Geburtstag. Wir hatten uns fest vorgenommen, die beiden Feste streng voneinander zu trennen. Aber schon beim ersten Mal ist es uns nicht so richtig gelungen. An den Weihnachtsfeiertagen besuchten wir die 500 Kilometer entfernt wohnende Familie meiner Frau. Dort bekam unser Kind Geschenke, die „für Weihnachten und Geburtstag zusammen“ gedacht waren. Oder es gab ein extra Geschenk, das aber unbedingt schon ausgepackt werden sollte, weil wir ja an seinem Geburtstag nicht mehr da wären.

Jetzt finde ich das nicht so schlimm, er kann das ja noch nicht so gut auseinander halten. Aber ich möchte nicht, dass an Weihnachten das Schenken schon abgehakt ist und für den Geburtstag nichts mehr oder nur wenig übrig bleibt. Ich fürchte allerdings, es wird sich nicht vermeiden lassen.

Spannend ist das Verbotene

Jordan hat Unmengen an Spielzeug bekommen, wir wissen jetzt schon nicht mehr wohin damit. Wir haben einiges zur Seite gelegt, um es später wieder hervorzuholen, aber auch dadurch ist es nicht merklich weniger geworden. Doch am interessantesten für ihn sind Alltagsgegenstände und Dinge, die er eigentlich nicht in die Finger bekommen soll: Handys, Messer, Gabeln, Schlüssel, kleine verschluckbare Gegenstände und so weiter. Jordan ist jetzt ein Jahr alt und ich habe den Eindruck, dass er alles, was man ihm zum Spielen hinhält, schon genau deswegen langweilig findet. Er scheint für sich herausgefunden zu haben, dass die wirklich interessanten Dinge die sind, die man ihm nicht freiwillig gibt.

Was mein Mutterherz allerdings sehr freut, ist die Tatsache, dass Jordan Bilderbücher mag. Er krabbelt zu seinem Regal, zieht ein Buch nach dem anderen heraus. Wenn er sich für eines entschieden hat, klappt er es umständlich auf, zeigt auf etwas und brabbelt vor sich hin. Ich finde das wunderbar anzusehen. Wann immer mich jemand fragte, was man ihm zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken könne, sagte ich: Bilderbücher sind immer gut, davon kann man nie genug haben. Doch: weder zum Geburtstag, noch zu Weihnachten gab es auch nur ein einziges Bilderbuch! Dieses Phänomen beobachte ich schon seit Jordans Geburt: Die konkrete Äußerung von Wünschen scheint die Phantasie derartig anzuregen, dass am Ende etwas ganz anderes herauskommt.

Mamus und Pappus: fröhliche Namens(er)findung

Veröffentlich von Katharina Runge am 22. Dezember, 2011

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Zusammen sind wir die „Mamus“. Das hat meine Frau eingeführt. Jordans Vater und sein Mann sind die „Pappus“. Ansonsten bin ich die „Mama“ und meine Frau „Mami“. Der Papa ist einfach „Papa“ und sein Mann heißt Ulli. In einer nicht repräsentativen Umfrage in mir bekannten Regenbogenfamilien, bei denen die Kinder bei zwei Frauen aufwachsen, habe ich festgestellt, dass es fast immer so ist, dass die biologische Mutter „Mama“ und die Co-Mutter „Mami“ genannt wird. Nur bei einer Familie heißt die Co-Mutter „Mimi“, das kam irgendwann vom Kind selbst und das finde ich auch eine ganz schöne Lösung.

Ein Freund hat uns zu Jordans Geburt ein Chinesisches Horoskop für ihn gegeben. Da steht drin, dass Jordan darauf achten soll, dass die Beziehung zu seinen Eltern auf einer Eltern-Kind-Ebene bleibt und sich nicht zu sehr hin zu einer Freundschaft entwickelt. Genau deswegen finde ich es wichtig, dass wir als Eltern nicht mit unseren Vornamen angesprochen werden. Wir sind seine Eltern, das ist nun mal eine ganz besondere Beziehung. Zur Elternschaft gehört bedingungslose Liebe genauso wie ein gewisses Maß an Autorität. Freunde können sich zurückziehen, wenn ihnen etwas nicht passt, zwischen uns wird das nicht passieren. Und deswegen finde ich es gut und richtig, dass Eltern nicht beim Vornamen gerufen werden. Zumindest so lange, bis das Kind erwachsen ist. Dann finde ich das mit den Vornamen okay und sogar sinnvoll.

Jordan ist erst ein Jahr alt, noch ist es ihm ziemlich egal wie wir heißen. Seit einiger Zeit sagt er „Mamamamamaaa“, vor allem wenn er wütend ist. Aber erstens glaube ich nicht, dass er jemand Bestimmtes damit rufen will, und zweitens reagieren wir ja eh bei jedem Mucks beide.

Namen erschaffen auch ein Stück Familie

Für Freunde ist es oft schwierig. Sie fragen alle sehr geduldig nach, haben es aber Minuten später schon wieder vergessen. Im ersten halben Jahr war ich immer die „Mama“. Aber seit Steffi Elternzeit macht und den ganzen Tag mit Jordan verbringt, stelle ich fest, dass Freunde und Bekannte sie automatisch als „Mama“ bezeichnen. Ich finde das rührend und freue mich darüber. Vor allem deswegen, weil ich erleichtert bin, zu sehen, dass zwischen den beiden Familienbande entstehen, die auch Außenstehende wahrnehmen.

Ich habe mir darüber im Vorfeld viele Gedanken gemacht. Mein Kind und meine Frau haben biologisch keine Gemeinsamkeiten. Ich wollte auf gar keinen Fall, dass dadurch eine Art Rangordnung entsteht. Auch deswegen entschied ich mich gegen die Vornamen-Variante. Das war außerdem ein Grund dafür, dass ich Steffis Nachnamen angenommen habe. Und deswegen freue ich mich zu sehen, dass es gar nicht so schwer ist, sich als Familie zu fühlen – Biologie hin oder her.

Ebenfalls irritierend: der gleiche Nachname

Aber auch das mit dem gemeinsamen Nachnamen ist für andere immer noch sehr schwer zu verstehen. Immer wieder sind Leute überrascht, dass wir den gleichen Nachnamen haben. Es scheint sich noch nicht rumgesprochen zu haben, dass das bei einer eingetragenen Partnerschaft möglich ist. Und das irritiert keineswegs nur heterosexuellen Menschen. Neulich fragte eine lesbische Freundin sichtlich verunsichert: „Und du firmierst nun also auch unter dem Namen Runge?“ Abgesehen davon, dass ich die Formulierung seltsam fand, war ich echt überrascht. Sie war doch im Standesamt dabei! Seit zweieinhalb Jahren heiße ich so! Sie hat schon mehrfach an unserer Klingel geklingelt, auf der genau dieser eine Name steht. Ich konnte und wollte es ihr nicht übel nehmen, weil sie eine liebe Freundin ist. Sie ist gut zwanzig Jahre älter als ich. Für sie stand so was nie zur Debatte, sie hat sich einfach nie damit auseinandergesetzt und genau so ist es bei der heterosexuellen Mehrheit in diesem Land.

Ob wir das mit „Mami“ und „Mama“ durchhalten, ist fraglich. Sogar wir kommen ständig durcheinander. Aber wir sind überzeugt, dass es sich einspielen wird, sobald Jordan sprechen lernt – und dann gibt es vielleicht noch ganz anderen Namen für uns.

Kann ein Junge Rosa tragen?

Veröffentlich von Katharina Runge am 13. Dezember, 2011

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Als wir mit unserem Sohn vom Krankenhaus nach Hause fuhren, trug er einen rosafarbenen Strampelanzug. Der Moment, in dem wir den Anzug kauften, war irgendwie magisch. Wir sahen ihn im Laden, waren entzückt und beschlossen sofort, ihn für diesen besonderen Moment zu kaufen. Erst als wir ihn das nächste Mal in die Hand nahmen, um ihn in die Krankenhaustasche zu packen, fiel uns auf, dass er rosa war. Also, es war uns natürlich schon vorher aufgefallen, aber erst jetzt dachten wir darüber nach: „Eigentlich“ passte das ja gar nicht. Wir wussten ja schon ewig, dass wir einen Sohn bekamen.

Unser Sohn trägt häufig Rosa, Rot und Violet

Ich bin sehr froh, dass es bei uns im Krankenhaus keine Farbvorgaben gab. Alle Kinder hatten weiße Erstlingsjäckchen an und dazu ein beigefarbenes Moltontuch um die Beine. Weder rosa noch himmelblau war im Krankenhaus zu finden, bis unser Sohn im rosa Strampelanzug steckte – fertig für die Heimfahrt. Ein Kleidungsstück, das wir aufbewahren, um es ihm später zu zeigen und zu erzählen, dass wir ihn in diesem Anzug nach Hause brachten. An diesem Tag sah das kaum jemand und niemand störte sich daran.

In den Wochen danach fiel uns schon auf, dass Fremde, die unseren Sohn in diesem Anzug sahen, davon ausgingen, dass er ein Mädchen sei. Wir korrigierten das geduldig. Auch als er aus dem guten Stück rausgewachsen war blieben wir bei der Farbe. Unser Sohn trägt häufig Rosa, Rot und Violet. Wir finden einfach, dass es ihm gut steht. Himmelblau hat etwas Kühles, das mögen wir gar nicht, Dunkelblau ist okay, Schwarz finden wir für Kinder irgendwie ungeeignet. Gelb steht im auch gut, aber das findet man so selten bei Babykleidung.

Ganz früh wird es ganz wichtig, eindeutig Mädchen oder Junge zu sein – warum nur?

Ich weiß nicht, wie lange wir das noch durchhalten, ihm diese „Mädchenfarben“ anzuziehen. Wenn wir das erklären müssen, ist das okay, das traue ich uns zu. Aber wie ist es für ihn, wenn er mitbekommt, dass die Leute komisch gucken und nachfragen, ob er ein Junge oder ein Mädchen sei? Wie ist es für ihn, wenn er sich immer wieder positionieren muss? Am liebsten wäre es mir sowieso, man würde diese Fragerei nach dem Geschlecht unterlassen. Schon in der Schwangerschaft wird man damit bombardiert und das geht dann fröhlich weiter. Wenn Jordan weder rosa noch himmelblau trägt, und wir auf Leute treffen, die ihn noch nicht kennen, kommt immer die Frage: „Junge oder Mädchen?“ Warum ist das eigentlich so wichtig?

Der Sohn meiner besten Freundin trug eine Zeit lang gerne Kopftücher. Genau genommen waren es Halstücher seiner Mutter. Er liebte es, an die Schublade mit den Tüchern zu gehen, mit ihnen zu spielen und sie sich um den Kopf binden zu lassen. Eines Morgens sollte er mit seinem Vater zum Bäcker gehen und wollte dabei unbedingt ein Kopftuch tragen. Prompt wurde er von der Brötchenverkäuferin für ein Mädchen gehalten. Ihm war das so peinlich, dass er das Kopftuch abnahm und es nie wieder aufsetzen wollte. Ich finde das jammerschade und frage mich, woher dieses Gefühl eines Makels kam. Warum war es ihm überhaupt peinlich, für ein Mädchen gehalten zu werden? Wann und wo wird Kindern eigentlich eingebläut, dass sie ganz eindeutig ein Geschlecht repräsentieren müssen?

Wie wichtig sind Schubladen? Und wer passt überhaupt rein?

Oder ist es doch wichtig für die (Identitäts-)Entwicklung? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube nicht, dass das Leben für uns einfacher wird, wenn wir uns in Schubladen stecken. Aber das sage ich aus der Sicht einer Erwachsenen, die sich – als Lesbe – bereits unendlich viele Gedanken um Identität und Identitätsfindung gemacht hat. Ich erinnere mich aber sehr gut, dass es Phasen gab in meinem Leben, in denen ich so sein wollte wie alle anderen. Einsortierbar in die Kategorien der Leute, von denen ich geliebt werden wollte. Aber ich erinnere mich auch, dass es immer beim Wunsch blieb. Egal, wie sehr ich mich bemühte, ich empfand mich immer als unpassend und „anders“ – vielleicht denkt das ja auch jede ein bisschen von sich selbst. Ich hätte mir die ganze Mühe also auch sparen können.

Was Jordan angeht, werde ich es einfach auf mich zukommen lassen. Eines Tages wird er sich selbst aussuchen, was er anzieht und ich werde ihm weder Rosa noch Röcke verbieten – hoffentlich.

Einerseits – Andererseits. Und Schnuller bleiben einfach blöd.

Veröffentlich von Katharina Runge am 6. Dezember, 2011

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Ja, ja, die Ratgeber. Am liebsten hätte ich sie alle gekauft – das war zumindest während der Schwangerschaft so. Ich wollte ja unbedingt alles richtig machen. Und natürlich wollte ich wissen, was mich erwartet. Dass das nicht möglich ist, beginne ich jetzt erst zu verstehen. Es fing schon mit dem Schwangerschaftsbuch an. Ich griff fast täglich dazu, weil ich furchtbar neugierig darauf war, was in meinem Körper und mit meinem Kind passierte. Allerdings lies das Buch oft auf positive Aussagen sofort etwas Negatives folgen. So gab es Sätze wie: „Die Hormone in dieser Zeit der Schwangerschaft bewirken bei den meisten Frauen ein klares, reines Hautbild, viele leiden aber auch unter Akne und fettigen Haaren.“ Oder: „Viele Frauen empfinden das zweite Drittel der Schwangerschaft als die schönste Zeit. Die Übelkeit der ersten drei Monate ist vorbei und der Bauch ist noch nicht so sehr im Weg wie am Ende der Schwangerschaft. Aber es kann in dieser Zeit auch zu vorzeitigen Wehen und Blutungen kommen.“ Diese ABER fand ich schrecklich.

Wenn nichts hilft und man trotzdem alles probiert

Kurz nach der Geburt, nur wenige Tage nach unserer Rückkehr aus dem Krankenhaus, bekam Jordan einen wunden Po – und der blieb sechs Wochen lang so. Ich habe mir schreckliche Vorwürfe gemacht, dass ich nicht richtig aufgepasst habe. Wir bekamen jede Menge Tipps von der Hebamme, surften im Internet und fragten andere Eltern um Rat. Da kamen hilfreiche, aber auch oft verwirrende Tipps von überall her. So las ich in dem einen Buch, dass man bei wundem Po unbedingt Stoffwindeln verwenden sollte, damit genügend Sauerstoff an die Haut käme. Dann wiederum hieß es, man solle bei wundem Po dringend Einwegwindeln verwenden, weil diese die Feuchtigkeit am schnellsten von der Haut wegtransportierten. Natürlich probierten wir beides. Meine Frau besorgte jede Menge Mullwindeln und zwei Windelhosen aus Schafwolle. Das Ergebnis war, dass unser Kind innerhalb von ein oder zwei Stunden komplett nass war. Die dicke Windelhose bewirkte, dass Jordans Po höher lag als sein Kopf, so dass das ganze Pipi einfach oben aus der Windel den Rücken entlang lief. Ich bewundere alle Menschen, die ihre Kinder so wickeln und ich bewundere unsere Großmütter, die keine andere Möglichkeit hatten.
Ich hielt es nicht für eine gute Lösung. Also kauften wir verschiedene Sorten Einwegwindeln von Bio bis Pampers, auch das änderte nichts. Wir kauften Salben, machten Sitzbäder und legten Heilwolle in die Windel. Stundenlang stand meine Frau bei eingeschalteter Wärmelampe am Wickeltisch und ließ unseren kleinen Liebling mit nacktem Po strampeln. Nach vielen Wochen, als uns die Ideen längst ausgegangen waren, ging es endlich weg.

Auch hatte unser Baby in der ersten Zeit ziemlich viel Bauchschmerzen und weinte entsprechend. Dass wir immer noch ein sehr gelassenes, ruhiges Baby hatten, wurde mir erst bewusst, als ich bei der Rückbildungsgymnastik auf andere Mütter mit gleichaltrigen Babys traf. Aber das half natürlich auch nicht wirklich. Unser Baby hatte Bauchschmerzen und wir wollten alles tun, damit es ihm besser ginge. Also massierten wir Jordans Bauch, trugen ihn im Fliegergriff herum, legten ihm wärmende Traubenkernkissen auf und ich schlief die ganze Nacht mit meiner Hand auf seinem Bauch. Ehrlich gesagt glaube ich, dass nichts davon wirklich etwas an seinem Zustand veränderte. Aber selbst wenn man das weiß, macht man einfach weiter.

Nicht alle Kinder lieben Schnuller! Das weiß ich jetzt.

Dann fand ich ein Buch, dessen Autor versprach, dass mit seiner Methode garantiert jedes Kind beruhigt werden könne. Unseres leider nicht. Es scheiterte schon am ersten Ratschlag: Das Kind fest einwickeln. An sich leuchtete mir das ein und ich hatte das auch schon im Babypflegekurs bei den Anthroposophen gelernt. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit kennt das Kind aus seiner Zeit im Mutterleib, weshalb das feste Einpacken beruhigt. Mehrere gute Freundinnen erzählten mir, dass das bei ihren Kindern super geholfen hat. Als ich es bei Jordan ausprobierte, staunte ich nicht schlecht, wie gut sich ein nur wenige Wochen altes Baby aus dem Tuch winden kann. Das Buch empfahl zwar, das Kind durch Festhalten daran zu hindern, bis es sich daran gewöhnt hat, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz. Ein weiterer Bestandteil dieser Methode ist der Schnuller – den verschmäht unser Kind bis heute.

Auch das verwunderte mich, ich dachte alle Kinder würden Schnuller lieben. Ich habe alle Varianten ausprobiert, er konnte mit keinem etwas anfangen. Ich habe auch auf verschiedene Arten versucht, ihm das Nuckeln nahezubringen. Als ich ihn dann eines Tages auf dem Arm hielt und ihm mit schmatzenden Geräuschen das Nuckeln vormachte, erntete ich immerhin sein erstes Lächeln. Die vielen Schnuller benutzt er inzwischen als Spielzeug, er kaut gerne darauf rum, aber zum Beruhigen, findet Jordan, taugen sie einfach nicht.