“Bye Bye Miss American Pie” – in der Tat! Im März zeigte es sich im Berliner Tempodrom, wie alt Madonna aussieht – im Vergleich zu Grace Jones. So muss eine Performance aussehen – cool, erwachsen, metallisch, urban, ironisch, gefährlich sexy – und nicht wie eine Teenie-Mitsing-Gymnastik-Stunde. Man war ja skeptisch – aber das legte sich sofort. Der kantigste, fremdartigste, androgynste Star der 80er ist zurück und hat Lust, auf den großen Vorhang! Und sie ist 60 – mal sehen, wie Madonna sich in 10 Jahren “neu erfindet” – als ob es da etwas gäbe, was man erfinden könnte.
Grace Jones ist ein sublimes Gesamtkunstwerk – so stellt man sich im Idealfall zum Beispiel Genderbending, Bodybuilding und Modeling vor. Das inzwischen zehnte Album “Hurricane” knüpft zwar unangestrengt und stilsicher an alte Erfolge an, ist aber irgendwie aus der Zeit herausgelöst, ist weder modern noch nostalgisch, sondern ist nur: GRACE JONES. Sie spielt in ihrer eigenen Liga.
Als Performerin ist sie großartig. Sie weiß, auf der Bühne geht es um Drama, Baby, Drama, nicht um Tänzer und niedlichen Firlefanz á la Britney-Kylie etc. Sie reduziert alles aufs Notwendigste, um dann tausend dramatische Statements zu formulieren. Die ganze Show ein Spiel von Identifikationsangeboten, wobei sie dauernd zwischen Bildern sexueller Lockung und exklusiver Reinheit – Unberührbarkeit! – hin und her pendelt. Sie ist gleichzeitig vollkommen präsent als auch ganz und gar abwesend – auch von sich selbst in ihrer seltsamen Anwesenheit. Sie ist die vollkommene, post-moderne Ikone: eine Reibungsfläche, die nichts bedeutet oder alles. Ihre Erscheinung ist aus kontrastierenden Elementen zusammengesetzt, eine Montage der Attraktionen.
Die coolsten Frauen Berlins waren beim Konzert – das war nicht immer so. Als ein weibliches Totem oder Golem verstörte die “Queen of Gay Disco” ab 1977 zunächst alle herkömmlichen Formen des Feminismus. Für dessen Volksschullehrerinnen war sie zu frivol, für dessen Puritanerinnen zu sexuell, für dessen Sensibelchen zu stark, zu geschäftstüchtig für dessen Pazifistinnen, zu kapitalistisch für dessen Linksradikale, zu effektiv für dessen Neurotikerinnen.
Ihre “andersartige” Schönheit (Flat-Top-Frisur, strenge Silhouette etc.) wurde oft nicht “verstanden” – aber die androgyne Schönheit hat sich schon immer an eine höhere Ordnung des Verlangens gerichtet – eine Art Liebe, die sich über das Besondere erhebt, eine Art Liebe, wie sie Kinder und tief religiöse Menschen kennen.
Und PS: Grace Jones hätte sich nicht von Sean Penn getrennt!
Und Beauty-PS von Grace: Vier Liter Wasser pro Tag trinken.










