Siegessaeule BlogSchwul-lesbischer Blog für Berlin und Deutschland

Archiv des Monats April, 2009

AMAZING GRACE

Veröffentlich von Egbert am 20. April, 2009

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“Bye Bye Miss American Pie” – in der Tat! Im März zeigte es sich im Berliner Tempodrom, wie alt Madonna aussieht – im Vergleich zu Grace Jones. So muss eine Performance aussehen – cool, erwachsen, metallisch, urban, ironisch, gefährlich sexy – und nicht wie eine Teenie-Mitsing-Gymnastik-Stunde. Man war ja skeptisch – aber das legte sich sofort. Der kantigste, fremdartigste, androgynste Star der 80er ist zurück und hat Lust, auf den großen Vorhang! Und sie ist 60 – mal sehen, wie Madonna sich in 10 Jahren “neu erfindet” – als ob es da etwas gäbe, was man erfinden könnte.

Grace Jones ist ein sublimes Gesamtkunstwerk – so stellt man sich im Idealfall zum Beispiel Genderbending, Bodybuilding und Modeling vor. Das inzwischen zehnte Album “Hurricane” knüpft zwar unangestrengt und stilsicher an alte Erfolge an, ist aber irgendwie aus der Zeit herausgelöst, ist weder modern noch nostalgisch, sondern ist nur: GRACE JONES. Sie spielt in ihrer eigenen Liga.

Als Performerin ist sie großartig. Sie weiß, auf der Bühne geht es um Drama, Baby, Drama, nicht um Tänzer und niedlichen Firlefanz á la  Britney-Kylie etc. Sie reduziert alles aufs Notwendigste, um dann tausend dramatische Statements zu formulieren. Die ganze Show ein Spiel von Identifikationsangeboten, wobei sie dauernd zwischen Bildern sexueller Lockung und exklusiver Reinheit – Unberührbarkeit! – hin und her pendelt. Sie ist gleichzeitig vollkommen präsent als auch ganz und gar abwesend – auch von sich selbst in ihrer seltsamen Anwesenheit. Sie ist die vollkommene, post-moderne Ikone: eine Reibungsfläche, die nichts bedeutet oder alles. Ihre Erscheinung ist aus kontrastierenden Elementen zusammengesetzt, eine Montage der Attraktionen.

Die coolsten Frauen Berlins waren beim Konzert – das war nicht immer so. Als ein weibliches Totem oder Golem verstörte die “Queen of Gay Disco” ab 1977 zunächst alle herkömmlichen Formen des Feminismus. Für dessen Volksschullehrerinnen war sie zu frivol, für dessen Puritanerinnen zu sexuell, für dessen Sensibelchen zu stark, zu geschäftstüchtig für dessen Pazifistinnen, zu kapitalistisch für dessen Linksradikale, zu effektiv für dessen Neurotikerinnen.

Ihre “andersartige” Schönheit (Flat-Top-Frisur, strenge Silhouette etc.) wurde oft nicht “verstanden” – aber die androgyne Schönheit hat sich schon immer an eine höhere Ordnung des Verlangens gerichtet – eine Art Liebe, die sich über das Besondere erhebt, eine Art Liebe, wie sie Kinder und tief religiöse Menschen kennen.

Und PS: Grace Jones hätte sich nicht von Sean Penn getrennt!

Und Beauty-PS von Grace: Vier Liter Wasser pro Tag trinken.

112. Grund, SM zu lieben

Veröffentlich von Céline Robinet am 15. April, 2009

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Chère Cornelia,

in Deinem lustigen und gleichzeitig fundierten Buch 111 Gründe, SM zu lieben fehlt doch einer: Ohne BDSM-Vorliebe würde man zu Ostern vielleicht einfach nur Eier suchen. Und diese auch nicht unbedingt finden. Jedenfalls würde man nicht zur Osterkonferenz gehen. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal daran teilgenommen. Dieses Jahr hieß sie: Colors of Kink, die Internationale Frauen-Lesben-Trans* SM-Konferenz.

Ich finde, dass die unterschiedlichen sexuellen Praktiken der Minderheiten sehr gut die gegenderte Sozialisation veranschaulicht.
Das hatte ich im November in diesem Blog auch schon geschrieben. « (…) Schwule spielen bei SM nicht mit dem Gender. Das weibliche meine ich. Top, Sub(missive), Dom(inant) oder Bottom ist jeder am männlichsten. Bei Heteros hingegen ist die Frau meistens hyperweiblich. Die Umkehrung scheint undenkbar zu sein. Der heterosexuelle Bottom, ja, der wird manchmal zum Weib. Dienerin, Hure, Putzfrau, alles in allem: unterwürfig im sinne vom Patriarchat. Aber Lesben! Lesben-Frauen-Trans*, sie spielen alles. Als Sub oder Top sind sie butch girl daddy boy stone fem und/oder nicht. Sprich: Die Position innerhalb des Machtverhältnisses hängt nicht von der performten Rolle ab.»

Das Ding ist: Hast Du gemerkt, Chère Cornelia, wie viele lesbische SM Vampir-Filme es gibt? Meinst Du, dass das daran liegen mag, dass Frauen weniger auf die Idee kommen oder sich weniger zutrauen, ihre körperliche Kraft zu benutzen, um Schmerzen zuzufügen – so dass Zähne eine gute Möglichkeit sind, Gewalt auszuüben, ohne stark sein zu müssen? (Gewalt, die durch das Blut auch sehr bildlich/plakativ inszeniert wird).

Ich frage mich, ob das auch der Grund ist, warum in der BDSM Lesben-Szene gern mit Nadeln gespielt wird. (Gibt es bei den SM-Schwulen überhaupt Nadeln-Praktiken?) Sind diese Nadeln eine Art Metapher der Vampirzähne? Oder nimmt man sich als SM-Lesbe statt Wolle, Stoff und Faden heutzutage ein bisschen Haut? D.h. ersetzen diese Nadeln die Stricknadeln der Näherinnen von früher?

(Cornelia Jönsson, Autorin)

Selbstkrönung einer professionellen Witwe

Veröffentlich von Egbert am 14. April, 2009

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“Mach doch mal ein richtig gutes Foto!” (Susan zu Annie)

Neulich im Wedding, wohin ich mich in letzter Zeit gern begebe, um spazierenzugehen. Und da dachte ich, der Wedding ist Hype-resistent, aber nein, der Hype hatte Mitte Februar ihn erreicht: In der Badstraße sehe ich ein Plakat: ANNIE LEIBOVITZ KOMMT. Ob es den gemeinen Weddinger interessiert, dass AL einen Orgasmus ankündigt, darf bezweifelt werden. Die AL-Ausstellung bei C/O ist jedenfalls der Hype des ersten Berliner Halbjahres.

Sie will unbedingt ins Museum, wird es aber wohl nur ins Museum des Zeitgeist schaffen. Amerikas berühmteste Magazin-Celebrity-Knipserin hat den Ehrgeiz, in einem Atemzug mit ihren Vorbildern Irving Penn und Richard Avedon genannt zu werden. Jedoch ist der künstlerische (vom stilistischen Anspruch und von der Bildsprache her) Abstand zu diesen beiden Giganten ziemlich groß und evident. AL spürt das wohl selbst. Sie inszeniert die Reichen und Schönen und Mächtigen aufwändig, arrangiert sie wirkungsvoll anhand eines konzeptuellen Einfalls (Bette Midler mit Rosen bedeckt, Whoopie Goldberg liegt in einer Badewanne mit Milch, Arnold im Schnee in Riefenstahl-Pose. etc). Da war die Glamour-Fotografie der 30er- und 40er-Jahre  doch  eindrucksvoller! AL disneyfiziert, sie zeigt nicht die Essenz einer  Person (was auch immer das letztlich sein mag, jedenfalls kamen Avedon und Penn dem sehr nahe), sondern nur  ironisch, unkritisch, vielleicht leicht zynisch die gebrochene Überhöhung der derzeitigen Rolle. Das alles ist zu glatt und ausgebufft. Und AL jammert verlogen, dass sie gern “die Seele” sichtbar machen würde, aber mit ihrem gigantischen Team (dessen häufiger Kommentar zur Chefin: “Der Teufel trägt eine  Kamera!”) oft nur eine Viertelstunde Zeit hätte für die Aufnahmen. Wie bitte?! Sie meint selbst, dass ihre “Familienbilder” mehr Tiefe haben. Allzu tief beeindrucken sie mich aber auch nicht. Ihre Auftragswerke sind das visuelle Gegenstück zum Big Mac – schmeckt lecker, ist schnell und vergänglich.

Fragwürdig sind dann auch die Fotos, die sie von der sterbenden Susan Sontag machte. Hat AL Sontags Buch DAS LEIDEN ANDERER BETRACHTEN denn nicht gelesen? Sontags Sohn David Rieff (der AL in seinen Erinnerungen an die Mutter TOD EINER UNTRÖSTLICHEN nicht gerade freundlich behandelt) war gegen deren Veröffentlichung, ebenso Sontags Freunde. ALs Buch AT WORK, ein Bericht über die Jahre 1995 – 2005 ist eine arg textlastige, pseudokritische, selbstverliebte (ja, wir wollten unbedingt wissen, dass sie mit den Rolling Stones ein Koks-Problem hatte!), inhaltlich dünne Selbstbeweihräucherung. Ironischerweise gefallen mir die an die  Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts erinnernden (wundervollen) Fotos, die AL von der Queen machte, am besten – die Qualitäten ALs kommen hier am besten zum Ausdruck, da es nur um Repräsentation geht und nicht um den Anspruch, “Seele” zu enthüllen.

Zuchtkarpfenteich vor Weihnachten

Veröffentlich von nachtschicht am 13. April, 2009

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Krass! Und alle, die am Ostersonntag ebenfalls im GMF dabei waren, glaube ich, wissen sofort, was gemeint ist mit einfach nur krass. Das war ja schließlich irgendwann nicht mehr die bekannteste Sonntagsparty Berlins, sondern wohl die größte schwule Presswurst der Welt – das Weekend platzte aus allen Nähten und Fahrstühlen vor Hemden-, Muscle-Shirts- und Fliegenträger. Selbst die routinierten Barjungens mussten irgendwann improvisieren, weil alle Gläser im Umlauf waren. Dazu subtropische Temperaturen und Räume, die von oben bis unten beschlagen waren. 1800 Gäste war eine Zahl, die mir so um Drei Uhr Nachts um die Ohren flog. Für einen Moment stellte ich mir die bange Frage, was passieren würde, wenn jetzt ein Feuer ausbräche?
Aber wer glaubt, dass deswegen alle nur schimpften und genervt waren, der irrt gewaltig. Trotz des Zustandes eines Zuchtkarpfenteiches kurz vor Weihnachten wurde wie wild gefeiert. Lady Gaga, Rihanna und allen voran Ades Zabel sei Dank, die ebenfalls tropfte, aber sich nicht nehmen ließ auf den Tresen zu steigen und gemeinsam mit dem Publikum die Hände zu schwingen. Gruß an alle durchgeschwitzten aber glücklich auferstandenen Leichen am Ostermontag!
Tanzfläche

Two for One

Veröffentlich von nachtschicht am 12. April, 2009

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Siehe da! Ein paar Gesichter, die man sonst immer bei „Poppourri“ traf, haben letzten Freitag der neuen Party „Handsome“ in der Loreley den Vorzug gegeben. Statt üblichen Indie und Pop stand ihnen diesmal wohl der Sinn nach Discomucke in der Tradition einer Diana Ross mit „My Old Piano“. Zwar war es jetzt deswegen nicht brechend voll, aber es herrschte eine richtig gute, angenehme Stimmung in der Loreley. Vielleicht lag das auch an dem Dreißiger-Altersdurchschnitt, die es nicht mehr nötig haben, Affektiertheiten wie Jungschwule an den Tag zu legen. Das Barangebot „Two for One“ bis Eins tat da noch ein Übriges.
Ich ließ es mir dann trotzdem nicht nehmen, später noch bei „Poppourri“ im Magnet vorbeizugucken. Und keine Angst: „Handsome“ hatte nicht das gesamte Publikum abspenstig gemacht! Es waren noch genügend junge Hüpfer, Touris und Altgediente da, um bis in die frühen Morgenstunden zu MGMT, Britney und The Faint zu feiern.
Tanzfläche

Rhetorische Figur

Veröffentlich von Céline Robinet am 8. April, 2009

2 Kommentare

Chère Antje,

wie schön, dass du dir mal vorgenommen hattest, einige Geschichten des amerikanischen Autors Pat Califia ins Deutsche zu übersetzen. Du und deine co-Übersetzerin Manuela Lachmann hattet bestimmt viel Spass dabei! Jetzt stehen den deutsch und kein englisch sprechenden oder lieber auf deusch lesenden LeserInnen fünf Erzählungen (gesammelt im Buch Frauen und andere Raubtiere) zur Verfügung.

Dildos als Gummi-Hot-Dogs, Finger, die schneller aus dem Blick verschwinden als die einer Vanilla-Lesbe aus der ängstlichen Rosette ihrer Freundin, in der sie gerade auf ein bisschen Scheisse gestossen ist, Möse, die sich gegen die Jeansnaht presst, so wie eine Katze sich ans Bein schmiegt, wenn sie einem klarmachen will, dass es Zeit furs Frühstück ist. Neben seiner Fähigkeit, Erotik literarisch zu verarbeiten, schätze ich an Pat Califia seine Metaphern. Nun weiss ich auch, warum Muschis Muschis heissen.

Nur eine Sache verstehe ich nicht: wieso wird der als transgender Mann lebende Patrick Califia immer wieder als “sie” dargestellt?

(Antje Wagner: Autorin und Übersetzerin)