Politisch und Lesbisch und ein bisschen Dada
Veröffentlicht von AHergeth am 8. Juni, 2009
Was bleibt im Gedächtnis vom EuroPride in Zürich? Die perfekte Organisation zum Beispiel. Alles klappte wie am Schnürchen. Perfekter als in Deutschland, echt! Bürgermeisterin Corine Mauch eröffnete den Marsch durch die Stadt mit einem Scherenschnitt genau eine Minute vor dem eigentlichen Start um 15 Uhr. Zwei Stunden sollte sich der Zug mit verschiedensten Vereinen, Initiativen, Parteien und Einzeldarstellern aus der Schweiz, aber auch aus benachbarten Ländern, durch Zürichs Altstadt schlängeln – und so lange dauerte das Ganze tatsächlich. Den Organisatoren standen übrigens 300.000 Franken zur Verfügung, zwei Drittel davon brachten Sponsoren auf, den Rest teilten sich Stadt und Kanton. Ein Heer von Ehrenamtler leistete erstaunliches.
Was bleibt? Viele bewegende Momente. Etwa, als zum Parade-Ende neben Corine Mauch auch Michaela Copot sprach. Die 34-Jährige arbeitet für Amnesty International in Moldawien und sprach von den katastrophalen Zuständen in ihrem eigenen und vielen anderen osteuropäischen Ländern, was die Rechte Homosexueller angeht. Dafür erntete sie viel Beifall und zustimmende Rufe. Ja, der EuroPride 2009 war ein lesbisch dominierter Event, nicht zuletzt wegen Corine Mauch.
Überhaupt fiel auf: das war ein politischer EuroPride! Hier ging es auch, aber eben nicht nur um Party. Zu Beginn des EuroPride-Wochenendes fand zum Beispiel der Aidswalk zugunsten von Jugendprojekten der Aids-Hilfe Schweiz statt. Deshalb hingen entlang der Wegstrecke durchs Dörfli (wie die Altstadt genannt wird) überall an den viele Jahrhunderte alten Fachwerkhäusern überdimensionale Red Ribbon-Schleifen. Und der Stonewall Award – der jedes Jahr auf dem Züricher CSD und diesmal eben jetzt verliehen wurde, weil es den CSD nicht extra gibt –, ging an ein traumhaftes Paar: Ernst Ostertag und Röbi Rapp sind seit mehr als 50 Jahren ein Paar. Die beiden heute 79-Jährigen waren 2003 die ersten, die heirateten, als in der Schweiz eingetragene Lebenspartnerschaften erlaubt wurden. Sie sind Vorkämpfer für die Rechte von Homosexuellen und haben acht Jahren lang die schwule Geschichte der Schweiz auf mehr als 1000 Seiten aufgeschrieben (www.schwulengeschichte.ch). Die Geehrten selbst mussten weinen, vielen Anwesenden – die beiden sind offenbar gut bekannt – stand die Rührung ebenfalls ins Gesicht geschrieben. Ein Gänsehautmoment.
Ein bisschen Anarchie fand sich dann doch, aber eher am Rande: Im Dada-Haus – eben da, wo einst die Kunstrichtung erfunden wurde – gab es eine Ausstellung, die sehr alternativ und unordentlich und schönerweise queer daher kam, weil von Lesben und Transgender extra zum EuroPride ausgerichtet. Im Café DuDa lässt sich übrigens gut schwadronieren und im Dada-Shop lauter ulkiges Kunstzeugs kaufen – hippe Stoffbeutel mit langen Henkeln für Berliner Jungschwule zum Beispiel … Schade, dass ich schon wieder zuhause bin. Zürich, ich komme wieder!
Tags: europride zürich dada








Es ist wirklich schade, dass die alternative off_pride weiterhin keine Erwähnung findet. Das Entgegenlaufen, Einscheren und wieder Ausscheren aus dem Zug gehörte meines Erachtens auch zu den Highlights und zeigt, dass auch es auch queeres Leben in Zürich gibt.