Die Nacht senkt sich auf die Dächer der Stadt. Mein Freund H. muss heim. Ein Paar Jungs mit nackten Oberkörpern bauen das Podest im großen Raum des Insomnia schnell wieder ab. Die Gala vom 1. Erophil, dem Erotikliteraturfestival, ist fertig.
Der Tag ist vorüber, ich bin totmüde, bin vormittags aus London zurückgekommen, wo ich eine Lesung hatte, und habe in den letzten zwei Tagen insgesamt nur 8 Stunden geschlafen. Der Tag war lang und stressig. Von Anfang an. Der Taxi, der mich um 4:30 vom Hotel abholen sollte, hatte 23 Minuten Verspätung, und ich habe meinen Flieger fast verpasst. Eine ältere Frau aus Indien ist heruntergefallen, als sie in den Shuttle auf dem Flughafen Gelände einsteigen wollte. Dann wurde geschrien. Die Inderin hat sich kurz geprügelt mit der Frau, die sich dafür schuldig hielt. Danach inBerlinlanden, Soundchekmachen, Orgakramregeln, moderieren und auftreten.
Doch ich gehe nicht gleich nach Haus.
Denn drüben auf der Warschauer Str. klingt aus einer offnen Türe des Monster Ronson’s Musik auf den Gehsteig hinaus. Dort tobt die Party des 4. Pornfilmfestes Berlin.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Party kaum von anderen Parties. Ach, doch, ein bisschen Sex is in the air. Und die privaten Karaokekabinen wurden umrationalisiert. Da werden Pornos gezeigt. Nachdem ich ein paar Freunde begrüßt habe, suche ich mir eine aus, um mich mit T. kurz hinzulegen. Wir landen in einem hetero gang bang. Nach zehn Minuten wechseln wir zu einem experimentellen schwulen Porno. In der gegenüberstehenden Kabine sehen wir durch die Plexiglas Scheiben fünf Kumpels, wie sie tatsächlich Karaoke singen. Wir mustern den Text auf dem Bildschirm, wie die Buchstaben nacheinander rosa werden.
Die kleine Kneipe in unserer Straße
da wo das Leben noch lebenswert ist
dort in der Kneipe in unserer Straße
da fragt dich keiner was du hast oder bist.
Du wirfst eine Mark in den Münzautomaten
schaust anderen beim Kartenspiel zu
und stehst mit dem Pils in der Hand an der Theke
und bist gleich mit jedem per Du.
Peter Alexander.
Wir gehen wieder in die Menge. Gerade on time, um den Auftritt des norwegischen Künstlerinnenkollektives The Hungry Hearts, dessen lustige Kurzfilme das Publikum des Pornfilmfestes begeistert haben soll, zu erleben. Danach soll noch Air Sex getrieben werden. Achtung, Luft-Sex wird nicht mit aufblasbaren Puppen gemacht. Das ist die erotische Alternative zum Luftgitarre spielen. Das habe ich aber nicht mehr gesehen. Da war ich echt zu müde. Ich glaube, ich bin zu einem Morgensexmenschen geworden.