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Kann ein Junge Rosa tragen?

Veröffentlicht von Katharina Runge am 13. Dezember, 2011

6 Kommentare

Als wir mit unserem Sohn vom Krankenhaus nach Hause fuhren, trug er einen rosafarbenen Strampelanzug. Der Moment, in dem wir den Anzug kauften, war irgendwie magisch. Wir sahen ihn im Laden, waren entzückt und beschlossen sofort, ihn für diesen besonderen Moment zu kaufen. Erst als wir ihn das nächste Mal in die Hand nahmen, um ihn in die Krankenhaustasche zu packen, fiel uns auf, dass er rosa war. Also, es war uns natürlich schon vorher aufgefallen, aber erst jetzt dachten wir darüber nach: „Eigentlich“ passte das ja gar nicht. Wir wussten ja schon ewig, dass wir einen Sohn bekamen.

Unser Sohn trägt häufig Rosa, Rot und Violet

Ich bin sehr froh, dass es bei uns im Krankenhaus keine Farbvorgaben gab. Alle Kinder hatten weiße Erstlingsjäckchen an und dazu ein beigefarbenes Moltontuch um die Beine. Weder rosa noch himmelblau war im Krankenhaus zu finden, bis unser Sohn im rosa Strampelanzug steckte – fertig für die Heimfahrt. Ein Kleidungsstück, das wir aufbewahren, um es ihm später zu zeigen und zu erzählen, dass wir ihn in diesem Anzug nach Hause brachten. An diesem Tag sah das kaum jemand und niemand störte sich daran.

In den Wochen danach fiel uns schon auf, dass Fremde, die unseren Sohn in diesem Anzug sahen, davon ausgingen, dass er ein Mädchen sei. Wir korrigierten das geduldig. Auch als er aus dem guten Stück rausgewachsen war blieben wir bei der Farbe. Unser Sohn trägt häufig Rosa, Rot und Violet. Wir finden einfach, dass es ihm gut steht. Himmelblau hat etwas Kühles, das mögen wir gar nicht, Dunkelblau ist okay, Schwarz finden wir für Kinder irgendwie ungeeignet. Gelb steht im auch gut, aber das findet man so selten bei Babykleidung.

Ganz früh wird es ganz wichtig, eindeutig Mädchen oder Junge zu sein – warum nur?

Ich weiß nicht, wie lange wir das noch durchhalten, ihm diese „Mädchenfarben“ anzuziehen. Wenn wir das erklären müssen, ist das okay, das traue ich uns zu. Aber wie ist es für ihn, wenn er mitbekommt, dass die Leute komisch gucken und nachfragen, ob er ein Junge oder ein Mädchen sei? Wie ist es für ihn, wenn er sich immer wieder positionieren muss? Am liebsten wäre es mir sowieso, man würde diese Fragerei nach dem Geschlecht unterlassen. Schon in der Schwangerschaft wird man damit bombardiert und das geht dann fröhlich weiter. Wenn Jordan weder rosa noch himmelblau trägt, und wir auf Leute treffen, die ihn noch nicht kennen, kommt immer die Frage: „Junge oder Mädchen?“ Warum ist das eigentlich so wichtig?

Der Sohn meiner besten Freundin trug eine Zeit lang gerne Kopftücher. Genau genommen waren es Halstücher seiner Mutter. Er liebte es, an die Schublade mit den Tüchern zu gehen, mit ihnen zu spielen und sie sich um den Kopf binden zu lassen. Eines Morgens sollte er mit seinem Vater zum Bäcker gehen und wollte dabei unbedingt ein Kopftuch tragen. Prompt wurde er von der Brötchenverkäuferin für ein Mädchen gehalten. Ihm war das so peinlich, dass er das Kopftuch abnahm und es nie wieder aufsetzen wollte. Ich finde das jammerschade und frage mich, woher dieses Gefühl eines Makels kam. Warum war es ihm überhaupt peinlich, für ein Mädchen gehalten zu werden? Wann und wo wird Kindern eigentlich eingebläut, dass sie ganz eindeutig ein Geschlecht repräsentieren müssen?

Wie wichtig sind Schubladen? Und wer passt überhaupt rein?

Oder ist es doch wichtig für die (Identitäts-)Entwicklung? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube nicht, dass das Leben für uns einfacher wird, wenn wir uns in Schubladen stecken. Aber das sage ich aus der Sicht einer Erwachsenen, die sich – als Lesbe – bereits unendlich viele Gedanken um Identität und Identitätsfindung gemacht hat. Ich erinnere mich aber sehr gut, dass es Phasen gab in meinem Leben, in denen ich so sein wollte wie alle anderen. Einsortierbar in die Kategorien der Leute, von denen ich geliebt werden wollte. Aber ich erinnere mich auch, dass es immer beim Wunsch blieb. Egal, wie sehr ich mich bemühte, ich empfand mich immer als unpassend und „anders“ – vielleicht denkt das ja auch jede ein bisschen von sich selbst. Ich hätte mir die ganze Mühe also auch sparen können.

Was Jordan angeht, werde ich es einfach auf mich zukommen lassen. Eines Tages wird er sich selbst aussuchen, was er anzieht und ich werde ihm weder Rosa noch Röcke verbieten – hoffentlich.

6 Kommentare zu “Kann ein Junge Rosa tragen?”

  1. sagte Caro:

    Hallo Katharina,
    in meinen Augen genau die richtige Einstellung. Wenn er alt genug ist bzw. anfängt, selber aus zu suchen, was er anziehen mag, lasst ihn einfach. rosa, rot oder pink – sch**ßegal!
    Wie alt ist euer Jordan denn mittlerweile? Ist euer Kinderwagen auch rosa, blau oder “unisex”farben? Ich finde, es ist schwer Wagen in neutraler Farbe zu finden, wenn es nicht grau oder beige sein soll.
    Beste Grüße!

  2. sagte Katharina Runge:

    Hallo Caro! Jordan ist inzwischen ein Jahr alt. Sein Kinderwagen ist lila. Beim Kauf dachte ich Lila wäre eine “unisex” Farbe, inzwischen habe ich da andere Erfahrungen gemacht. Aber Kinderwägen sind ja auch so ein Thema für sich. Den perfekten, mit schöner Farbe, guter Ausstattung und komfortablen Fahrverhalten habe ich noch nicht gefunden … Liebe Grüße zurück!

  3. sagte Ria:

    Hallo Katharina,

    ich vermute, dass sich die Frage nach der ‘passenden’ Kleidung irgendwann von selbst ganz anders stellt.
    Dann nämlich, wenn Jordan Geschlechtsidentitäten erkennt. In der Regel passiert das so um die drei Jahre herum. Dann könnte der Konformitätsdruck für ihn so groß werden, dass er ausschließlich tausendprozentiges Jungenzeug tragen will.
    Kinder sind selten Nonkonformisten, eher konservative Anpassungswillige. Ich glaube aber, das brauchen sie. Erst alles ordentlich einsortieren, bevor sie es später – vielleicht – alles lustvoll durcheinander werfen.
    Wir haben unsere Tochter nie mädchenhaft eingekleidet. Dieser Wunsch kam irgendwann so vehement von ihr, dass wir uns beugten. Heute, mit 6 Jahren, ist sie die Prinzessin schlechthin.
    Wir lassen sie gewähren. Schließlich muss sie ihren Platz im Leben und den dahin Weg selbst finden.
    Wichtig ist doch eigentlich nur, dass wir den Kindern das zutrauen.
    Schöne Grüße!

  4. sagte Uli:

    Hallo,

    wir haben mit unseren Zwillingen ähnliche Erfahrungen gemacht. Der mit dem roten Strampler oder mit den längeren Haaren wurde immer für ein Mädchen gehalten, vor allem in Deutschland.
    Unser kleiner Zwilling (jetzt sind sie 3) steht im Moment total auf Rosa und Lila und Glitzer und wir lassen Ihn, was soll schlimmstenfalls passieren? Aber es ist schon sehr interessant zu sehen, wie fremde Leute mit Kopfschüttel und totalem Unverständnis darauf reagieren…
    Grüße aus HH

  5. sagte Patrick:

    Unser kleiner Mann ist bald 4 und er besteht nur auf Jungssachen. Wenn auf der Zahnpastatube Prinzessin Lilifee klebt, darf sie nicht gekauft werden.
    Ich geb’ den anderen Recht, Euer Sohn wird irgendwann von selber anfangen, Sachen zum Anziehen auszusuchen; dann koennt Ihr entweder mit ihm streiten oder ihn machen lassen.

  6. sagte Anika:

    Der Lieblingspulli meines kleinen Bruders(ich glaub zu Kindergartenzeiten, war selber nur 2 Jahre älter, da ist das so ne Sache mit erinnern…) war ein rosa Pullover mit “Mein kleines Pony”. Den hat er mit größter Begeisterung getragen. Meine Mutter fand, er solle tragen was ihm gefällt. Irgendwann hörte das natürlich auf,Einfluss von Kindergarten und Schule und so. Er mochte halt nicht ständig für ein Mädchen gehalten werden. Schade eigentlich. Die Farbe stand ihm gut.

    Ich war als Kind auch immer froh, dass meine Eltern keinen Unterschied zwischen Jungenspielzeug bzw Mädchenspielzeug machten.Der geschlechtsspezifische Unterschied bei unseren Habseligkeiten(wobei wir sowieso immer zusammen mit allem gespielt haben) kam eigentlich hauptsächlich durch Geschenke von Familie und Freunden. So bekam ich “massenweise” Barbiepuppen von der Onkel-und-Tanten-Fraktion geschenkt, obwohl ich die eher langweilig fand.(Puppen, die nicht wie Babys aussehen fand ich doof) Mein Bruder hingegen war beleidigt, dass keine der Barbiepuppen in unserem Fundus ihm gehörte. Meine Eltern haben ihm dann eine zu Weihnachten geschenkt.
    Heutzutage ist ihm das zwar peinlich, aber ich glaube kaum, dass es meinem Bruder oder mir irgendwie geschadet hat.