Rollenwechsel: Ich gehe wieder arbeiten
Veröffentlicht von Katharina Runge am 10. Januar, 2012
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Als Jordan sechs Monate alt war, ging ich wieder zur Arbeit. Ich freute mich sehr, meine Kollegen und Kolleginnen wiederzusehen und kreativ sein zu können. Ich wurde herzlich empfangen. Alle fragten nach, wie es uns ergangen sei und wie es wäre, jetzt wieder zu arbeiten. Witzigerweise fragten fast alle: „Und wo ist jetzt dein Kind?“ Als ich dann antwortete, „zu Hause bei meiner Frau“, schüttelte man den Kopf, weil man das Naheliegende nicht bedacht hatte.
Traditionelle Familienbilder leben weiter
Ein bisschen irritierte mich das schon. Alle wissen natürlich, dass ich das Kind gemeinsam mit meiner Frau bekommen habe und viele kennen sie auch. Aber sie kamen nicht auf die Idee, dass sie sich jetzt um unser Kind kümmern könnte – stattdessen sahen sie es in einer Fremdbetreuung oder bei den Großeltern. Ich glaube, es liegt bei vielen am berühmten „Unwissen“, sie alle – übrigens auch viele unserer homosexuellen Freundinnen und Freunde – haben das traditionelle Familienbild im Kopf: Vati geht arbeiten, und kann da auch nicht weg, um das Kind zu betreuen, und die „Gebärende“ bleibt mit dem lieben Kleinen zu Hause. Und wenn sie nicht zu Hause bleibt, ist das Kind alleingelassen.
Auch für mich selbst war es am Anfang schwierig, wieder in die neue Rolle zu finden. Sechs Monate lang war ich nur für mein Kind da. Ich wusste, wann es was brauchte und wir hatten uns gut aufeinander eingespielt. Nun saß ich in der Arbeit und vermisste meinen Sohn. Kurz vorher hatten wir angefangen, mit ihm essen zu üben. Jordan mochte keinen Brei, auch keine Flasche. Er verschmähte alles, was nicht direkt aus meiner Brust kam. Meine geduldige Frau kochte Brei in unterschiedlichen Konsistenzen: stark püriert und mit Muttermilch verdünnt, weniger stark püriert ohne Muttermilch, … Er fand das alles interessant, griff gierig nach dem Schälchen, aber nach drei Löffeln war die Euphorie verflogen. Auch das Fläschchen konnte unserem Sohn gestohlen bleiben.
Mit den Gedanken beim Kind, das nicht essen will
Es brach mir das Herz. In den ersten Wochen fuhr ich nach vier Stunden Arbeit nach Hause, stillte ihn, und arbeite weiter von dort. Aber lange ließ sich das so nicht machen und der Gedanke, dass er nichts zu sich nahm, war für mich kaum auszuhalten. Dazu muss man allerdings sagen, dass unser Kind extrem wohlgenährt war. Viele waren der Meinung, Jordan würde sich schon ans Essen gewöhnen, wenn er merke, dass nichts anderes mehr zur Verfügung stehe. Und wenn er ein paar Tage etwas weniger bekäme, würde er ja nicht vom Fleisch fallen. Sie mögen alle recht gehabt haben, aber ich fand es dennoch schrecklich.
Es hat eine Weile gedauert, aber dann wurde Jordan doch ein ganz guter Esser. Er lernte sogar, aus der Flasche zu trinken – gerade als ich dachte, dass er es nun auch nicht mehr lernen müsse. Am Ende trank er sogar Pulvermilch.
Meine Frau und Jordan sind ein super Team
– ich genieße es, das zu sehen
Und nun bin ich also „Vati“: Ich sehe mein Kind im Höchstfall drei Stunden am Tag. Wenn wir am Wochenende einen Ausflug machen, weiß ich nicht, was ich alles für das Kind mitnehmen muss. Ich weiß nicht mehr, wann er wie viel isst, und abends frage ich meine Frau nach seiner Verdauung. Derweil sind Steffi und Jordan ein unschlagbares Team. Sie sind bestens aufeinander eingestimmt und lieben sich heiß und innig. Oft weint Jordan, wenn meine Frau aus dem Zimmer geht und reckt seine Arme in ihre Richtung. Ich finde es herrlich, das zu sehen. Wenn die beiden sich anschauen, sprühen die Funken. Steffi weiß, wie sie ihn aufmuntert, wenn er keine Lust auf Wickeln oder Anziehen hat oder im Auto schlechte Laune bekommt. Sie weiß, was er am liebsten isst und wann und wie er am liebsten schläft. Und ich genieße es, abends nach getaner Arbeit nach Hause zu kommen und von einem strahlenden Kind empfangen zu werden, das mir aufgeregt entgegen krabbelt.
Es gab Momente, in denen ich an unserem Vorhaben, die Elternzeit aufzuteilen, zweifelte. Ich dachte darüber nach, alles umzustoßen und erst nach einem Jahr wieder arbeiten zu gehen. Inzwischen freue ich mich, dass ich diesem Gefühl nicht nachgegeben habe. Ich finde es super, zu arbeiten, und meine Frau genießt die Zeit mit unserem Kind. So bin ich wirklich gerne der „Vati“.







