Ich gebe zu: Der Jurytranserich ist nach 2 Tagen mit insgesamt 9 Filmen, 10 Stunden Schlaf und gestriger ELSE-Party im Südblock (danke dafür) heute etwas derangiert.
Am Dienstag gab es gleich 5 Filme:
1. “Parada”, Spielfilm aus Serbien: Ganz, ganz großartig! Vielschichtige Charaktere, intelligenter Humor, wohltuende Leichtigkeit trotz bitterernsten Themas, und ja, ich hab geheult! — Natürlich ausgerechnet an dem einzigen Tag, an dem ich keine Taschentücher dabei hatte und mir folglich die Blöße geben musste, meine Sitznachbarin danach zu fragen. Na, wenigstens sind die Zeiten vorbei, in denen ich mir dabei noch um die Wimperntusche Sorgen machen musste.

Das Parada-Team nach dem Screening
2. “Glaube, Liebe, Tod”: Etwas arg konstruiert und mit der zweitgrauenhaftesten Filmmusik unseres Berlinale-Programms versehen. Not my cup of tea, dear … Damit zu Film 3: “The Iron Lady” mit der göttlichen Meryl Streep. (Ja, wir haben fremdgeguckt! Ich gestehe es! Dieser also außer Konkurrenz.)
Zurück zur Arbeit und Film 4: Mein persönlicher Berlinale-Tiefpunkt, bei dem ich nur bis zum Ende geblieben bin, um demonstrativ nicht zu klatschen: “Koi ni itaru yamai” aus Japan. Eigentlich vollkommen indiskutabel, aber die Story ist so grottig, dass ich sie doch einmal zusammenfassen möchte: Sexbesessenes, dauerkreischendes, fleischgewordenes Manga-Mädel wirft sich nerdigem, neurotischen Biologielehrer an den Hals, der allerdings lieber tote Käfer auf Kork nagelt. Ihr Ziel: Austausch der Geschlechtsorgane beim Akt, damit sie “für immer aneinander gebunden sind”. Meine Fresse. Früher kauften sich zu diesem Behufe Pärchen einfach hässliche Allwetterjacken im Partnerlook oder Freundschaftsringe, heute müssen es gleich Genitalien sein. Der Plan geht nach Quasi-Vergewaltigung des Nerds sogar auf, und der macht nichts anderes, als sich beim Gedanken an seine/ihre Vagina ständig zu übergeben. Und Manga-Mädel findet den erhofften Schniedel in der Realität wohl auch eher unfunky. Also muss eine Rückgabelösung her, die angesichts dieser grenzdebilen Story sofort auf der Hand liegt: Einfach nochmal poppen, und alles ist wieder in schönster genderbinärer Ordnung. Leider braucht es für unsere Protagonisten zwei Sunden, um das herauszufinden, unterlegt mit der grauenhaftesten Filmmusik des Berlinale-Programmes: Enervierendem Tamagochi-Gedudel. Selbstverständlich sind die Kameraeinstellungen so gewählt, dass man dem Mädel ständig unter den Rock und damit auf den blütenweißen Schlüpper gucken kann. Und muss ich erwähnen, dass auch noch eine sexbesessene Freundin des Manga-Mädels drin vorkommt, natürlich im Grunde lesbisch und in Manga-Mädel verliebt? Und ein naiver Schulfreund, der … ach, wat soll’s. (P.S.: Laut Vorschau war das Ganze eine Parodie. Merkt man aber nicht. Auf mich wirkte der Film einfach nur wie eine lüsterne Altherrenfantasie mit Manga-Mädel- und Schlüpperfetisch: Transphob und sexistisch ad nauseam. Gut gemeint ist halt nicht immer … na, usw.)
Film 5: Bitte, bitte, bitte, liebe Kino-Göttin, lass ihn gut sein: “Leave it on the floor”, ein Musical aus den USA rund um einen schrillen Haufen schwarzer Drag-Queens. Mein Fazit: Nicht mein Musikstil, aber unterhaltsam und gut gemacht.
Mittwoch, letzter Tag.
Film1: “Sleepless Knights” aus Spanien. Schöne Landschaften, schöne Männer, aber die Handlung hat irgendwie keiner kapiert. Daher mit Spannung die Q&A abgewartet. Ergebnis: Es gibt keine. Ist wohl wirklich nur eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen, die in erster Linie die Atmosphäre transportieren sollen. Ah ja.
Film 2: “Westerland”. Story: Dauerbekifftes, neurotisches und intellektuell eher sparsam ausgestattetes bulimisches Frettchen (dafür aber leider hübsch) und ambitionierter Landschaftsgärtner (dafür leider grottenhässlich) haben sich 90 Minuten lang nichts zu sagen. Auch der Kommunikationsversuch “gemeinsam Kotzen als Paartherapie”, in Echtzeit, Nahaufnahme und Dolby Surround, konnte wohl nicht als Erfolg verbucht werden. Eventuell hätte der Hinweis gereicht, dass Kiffen fett macht — mit der Empfehlung, doch lieber auf Koks umzusteigen. Dann redet man auch mehr. Und mir wäre hinterher nicht so schlecht gewesen. Gut, dass man Filme wenigstens nicht riechen kann.
Film 3: “Ulrike Ottinger”. Ganz, ganz toll. Ich gestehe, ich kannte sie vorher nicht, und sie macht wohl die Art von Film, bei der ich mich immer frage: Ist das jetzt völlig irre oder völlig genial? Nach der Doku war ich vom Letzterem überzeugt. Ich werde mir bestimmt einen ihrer Filme kaufen. Überdies ist Frau Ottinger eine sehr sympathisch wirkende Person, und: Veruschka von Lehndorff ist der zweitschönste Dorian Gray, den ich kenne. Seufz.
Film 4: “Audre Lorde”. Faszinierende Persönlichkeit, schöne Doku, wenn auch etwas zu lang für ein Biopic.
So. Das war’s von mir und mit dem Juroren-Amt. Es war eine grandiose Erfahrung und ich bin dankbar, dabei gewesen zu sein. Heute steht nur noch die Grundsanierung von Gesicht und Wohnung auf dem Programm …
Mayk Dorian