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Alle Einträge der Kategorie: queer family

Das Casting: Wir sind im recall!

Veröffentlich von Katharina Runge am 20. Februar, 2012

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Wir sind eine Runde weiter – auf der Suche nach einem Kindergartenplatz. Nachdem Jordan geboren war, hörte ich von allen Seiten, dass es ratsam wäre, sofort mit der Suche nach einem Kindergartenplatz anzufangen. Da wir es schöner fanden, Jordan zu Hause zu lassen, bis er 18 Monate alt ist, war ich dennoch entspannt. Drei Monate nach seiner Geburt fing ich an, Kindergärten in unserer Nähe anzurufen.

Ich begann bei einem Kindergarten, der mir aufgrund seiner pädagogischen Grundlagen sehr empfohlen worden war: „Nee, wir sind total ausjebucht“, hieß es am anderen Ende. „Oh“, sagte ich und wagte es, dennoch nachzufragen: „Bis wann denn?“ – „Ach, weeß ick nich’, also bestümmt bis 2014.“ Ich persönlich bin ja Urberlinerin. Ich höre es auch gerne, wenn Menschen berlinern. In diesem speziellen Fall allerdings führte es dazu, dass ich ein kleines bisschen erleichtert war, dass mein Sohn nicht in diesen Kindergarten gehen würde. Naja, es war sicher nicht das Berlinern alleine, sondern der Gesamteindruck, den ich hatte.

Ich strich den Kindergarten also aus meiner Liste und rief beim nächsten an: „Ich nehme an, Ihr Kind ist noch nicht geboren“, tönte es da aus dem Hörer. „Äh, doch, sagte ich, es ist drei Monate alt.“ Die Dame war merklich überrascht, dass mein Kind schon so alt war. Gnädigerweise nahm sie mich dennoch in eine Liste auf. Ich hörte nie wieder etwas von ihr. Dann rief ich bei einem zweisprachigen Kindergarten an. In diesem Falle war man erstaunt, dass ich mich so früh meldete. Ich solle mich doch in einem Jahr nochmal melden. Aha, auch nicht schlecht. Meine Chancen seien aber nicht sehr groß, weil der Kindergarten vor allem für die Kinder von MitarbeiterInnen zweier nahegelegener Firmen gedacht wäre. Hm.

Etwas weiter weg gibt es noch einen englischsprachigen Kindergarten. Ich sprach mit der freundlichen Erzieherin, die mir sagte, ich solle auf ihrer Webseite ein Formular runterladen, ausfüllen und ihr per Post schicken. Ich tat das und der Brief kam zurück: „Empfänger unbekannt“. Die Adresse stimmte genau mit der Adresse überein, die ich im Internet fand – die Erzieherin war telefonisch nicht mehr zu erreichen. Das hatte sich dann auch erledigt.

Dazwischen schaffte ich es immerhin mit einigen Kindergärten Termine für ein Gespräch zu vereinbaren. Der erste war direkt in unserer Straße, nur ein paar Häuser weiter. Schon beim Betreten hatte ich ein beklemmendes Gefühl. Die Kindergartenleiterin hatte etwas von einem Feldwebel. Sie erklärte mir in stark gebrochenem Deutsch, dass sie großen Wert auf die Sprachentwicklung der Kinder legten. Ich fand es ein bisschen paradox, aber es störte mich nicht so sehr, da ich mir durchaus zutraue, selbst für die Sprachentwicklung unseres Kindes sorgen zu können. Als sie mich durch die trist aussehenden Gruppenräume und in den Garten führte, sah ich zwei Erzieherinnen, die intensiv mit ihren Handys beschäftigt waren, eine weitere Frau hatte Kopfhörer in den Ohren.

Nach dieser Erfahrung gaben wir uns große Mühe beim Ausfüllen der Bewerbungsunterlagen für einen Waldorfkindergarten. Inzwischen stand uns der Sinn nach Harmonie und Zugewandtheit. Per E-Mail bedankte man sich freundlich für unsere Bewerbung und erklärte, dass wir Anfang des Jahres von ihnen hören würden. Da es nur ein sehr kleiner Kindergarten ist, rechneten wir uns wenig Chancen aus. Wir mussten also weiter Ausschau halten.

Der nächste Termin war bei einem konventionellen Kindergarten. Ich hatte gar nicht so viel Lust, da hinzugehen, tat es aber dann doch. Und siehe da: Die Kindergartenleiterin war mir sehr sympathisch, sie hatte eine angenehme, entspannte Ausstrahlung. Trotz immerhin 160 Kindern war es im Gebäude angenehm ruhig. Die Leiterin erzählte stolz, dass wir bereits die dritte Regenbogenfamilie seien, die sich für diesen Jahrgang angemeldet hätte. Das freute mich schon ein bisschen. Nach einem intensiven Gespräch führte sich mich durch einige Gruppenräume. Überall wurden wir freundlich begrüßt, die Erzieherinnen war mir alle sympathisch. Ich war echt erleichtert. Hier konnte ich mein Kind ruhigen Gewissens hinbringen. Aber eine Garantie gab es auch hier nicht: „Die Chancen stehen gut, dass es klappt“, hieß es.

Ausruhen ging also nicht. Wir hatten kaum den nächsten Kindergarten betreten, fielen uns schon die Ohren ab: „Ach, da seid ihr ja!“, schrie eine Erzieherin mit schriller Stimme und begrüßte ein Kind und seine Familie. Dann gingen wir zum Gespräch ins Büro des Kindergartenleiters. Er erklärte uns das Konzept. Es gebe Gruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Wissenschaft, Werken, Musik und Montessori. Er führte uns durch die Gruppen. In der Musik-Gruppe hämmerte ein Kind auf ein Glockenspiel ein, die anderen Kinder passten sich dem Lärmpegel an. Die Wissenschaftsgruppe war gerade auf einem Ausflug, wir besichtigten die Räume, in denen sehr viele gebastelte Raumschiffe standen. Auf den Gängen waren es vor allem die Erzieherinnen, die sich lautstark miteinander oder mit den Kindern verständigten. In der Montessori-Gruppe war es etwas leiser, aber das half jetzt auch nicht mehr. Wenn hier schon die ErzieherInnen so schrieen, wie sollten sich dann die Kinder verhalten?

Es blieben also zwei Kindergärten in unserer engeren Auswahl. Vor einigen Wochen erhielten wir eine Zusage von dem großen Kindergarten mit der netten Leiterin. Wir waren sehr erleichtert. Dann kam noch der Anruf des Waldorfkindergartens. Sie möchten uns gerne kennenlernen. Damit gehören wir zum engeren Kreis der Familien, die für die vier freien Plätze in Frage kommen. Wir sind also im recall. Auch hier fühlten wir uns sofort wohl. Ein kleiner freundlicher Kindergarten mit gesundem Essen, das könnte uns auch gefallen, auch wenn der Weg ein bisschen weiter ist.

Wir haben also (fast) zwei Kindergartenplätze. Das ist toll! Neulich traf meine Frau im Babyladen eine Familie, mit der sie mal einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hat. Man unterhielt sich über die lästige Suche nach einem Kindergartenplatz. „Die haben noch gar keinen“, erzählte meine Frau. „Naja“, sagte ich wissend, dann haben die zu spät angefangen … .“ – „Nein,“ sagte meine Frau, „die haben auch direkt nach der Geburt angefangen. Ich glaube, die sind zu ,normal’. Sie sind heterosexuell und haben ein weißes Kind.“ Tatsächlich fiel mir auf, dass viele Kindergärten ihre integrative Arbeit betonen. Vielleicht werden sie dann stärker subventioniert. Jedenfalls müssen sie die Integration dann ja auch umsetzen, dafür brauchen sie die entsprechenden Kinder … Aber das ist nur eine Vermutung. Sicher ist jedenfalls, dass es gar nicht so leicht ist, einen Kindergartenplatz zu bekommen. Die Kindergärten sind alle hoffnungslos überlaufen und viele von ihnen sind noch dazu in einem fragwürdigen Zustand.

Nachtaktiv oder „das schlimme Buch“

Veröffentlich von Katharina Runge am 9. Februar, 2012

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Ich glaube, viele Eltern haben Angst vor dieser Frage: „Na, schläft er denn schon durch?“ Ich versuche mal zu antworten: Erst war Jordan ja noch so klein. Er schlief, trank, guckte, schlief, trank, trank, schlief, schlief, guckte, dann trank er wieder. Es gab keinen Tag-Nacht-Rhythmus, kein Abendritual, keinen Gute-Nacht-Kuss.

Mit der Zeit nahm ich ihn abends, nachdem er wach geworden war und getrunken hatte, mit ins Bett. Das pendelte sich dann so bei 21 Uhr ein. Eines Abends wurde es 22 Uhr, 23 Uhr, Mitternacht – meine Frau sagte: Geh schon mal ins Bett, wenn er wach wird bringe ich ihn Dir. Gegen zwei ging auch sie ins Bett. Jordan schlief weiter bis um 4 Uhr. Als dies nochmal passierte, führte ich ein Abendritual ein. Gegen 19 Uhr wusch ich ihn, stillte und legte ihn ins Bett – und er schlief bis 4 oder 5 Uhr morgens. Ich stellte ihn erneut, und wir schliefen weiter bis 7 oder 8 Uhr. Als Jordan acht Wochen alt war, schlief er nachts neun Stunden am Stück. Es war eine schöne Zeit, – bis der erste Zahn kam.

Vielleicht passierte auch beides zufällig zur gleichen Zeit: der erste Zahn und das Ende der ruhigen Nächte. Seitdem kann man keine Vorhersagen mehr treffen. Manchmal schläft Jordan fünf oder sechs Stunden am Stück, manchmal sogar sieben, aber manchmal wird er alle 30 Minuten wach. Wir probieren verschiedene Taktiken aus: Wir geben ihm etwas zu trinken, er könnte ja Durst haben. Oder doch Hunger? Also bekommt er Milch. Dann werfen wir alles über den Haufen und meine Frau sagt: „Vor fünf Uhr morgens bekommt er nichts mehr. Wenn er merkt, dass er nachts nichts mehr bekommt, schläft er vielleicht auch besser.“ In der nächsten Nacht um halb vier trage ich also unser weinendes Kind durch die Wohnung. Schon nach kürzester Zeit sagt meine Frau zu mir: „Warum gibst Du ihm denn keine Milch, er hat bestimmt Hunger.“ …

Neulich habe ich einem befreundeten Paar davon erzählt. Wir stellten fest, dass sie exakt dieselben Dialoge über nächtliches Trinken führen wie wir. Genau wie Jordan nimmt auch ihr Kind keinen Schnuller. Manchmal denke ich, wenn Jordan einen Schnuller akzeptieren würde, wäre es vielleicht einfacher, ihn zu beruhigen. Andererseits jammere ich auf hohem Niveau. Jordan wird zwar oft wach in der Nacht, ist aber alles andere als ein Schreikind. Tagsüber weint er fast nie und auch nachts beruhigt er sich meist sehr schnell.

Auch ich nahm als Baby keinen Schnuller. Meine Mutter erzählt, dass ich sehr empört gewesen wäre, als ich merkte, dass nichts raus kam. Ich lutschte auch nicht am Daumen – genau wie Jordan. Neulich fragte ich sie, wie sie mich beruhigt hätte, wenn ich nachts wach wurde. Sie sagte, ich wäre nicht wach geworden. Abends hätte ich einen dicken Brei bekommen und dann bis zum nächsten Morgen geschlafen. So ganz kann das nicht stimmen. Denn ich kenne auch diese Geschichte: Als meine Eltern abends aus waren, passte mein neun Jahre älterer Bruder auf mich auf. Da ich immer weinte, wenn er den Raum verließ, holte er seine Bettdecke und legte sich neben meine Wiege auf den Boden. Dort fanden ihn meine Eltern schlafend, als sie wieder kamen.

Ich mag diese Geschichte sehr, weil ich es rührend finde, wie sich mein Bruder um mich gekümmert hat. Aber ich frage mich eben auch, wie meine Baby-Nächte nun wirklich waren. Hat meine Mutter vergessen, dass ich nachts wach war? Damals war ja alles so anders. Man gab schweren Abendbrei, Babys schliefen nicht bei den Eltern und man ließ Kinder auch schreien. Ich zum Beispiel schlief zwei Zimmer entfernt von meinen Eltern. Hätten die mich überhaupt gehört?

Und dann gibt es ja noch das schlimme Buch: „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Dieses Buch ist wirklich verblüffend. Im Internet liest man nur Schlechtes darüber. In der Realität haben mir jetzt schon sehr viele Familien erzählt, dass sie damit beste Erfahrungen gemacht hätten. Es wären zwei schlimme Nächte gewesen, danach hätte sich alles entspannt. Ich bringe es noch nicht übers Herz, mein Kind minutenlang alleine weinen zu lassen. Insgeheim habe ich für mich beschlossen, damit zu warten, bis alle Zähne da sind. Neulich schrieb meine Gastmutter aus Amerika: „Maybe he’s teething and he will rest easy after they all come in.“ Vielleicht schaffen wir es ja, so lange durchzuhalten …

Was Gerlinde sagt, stimmt!

Veröffentlich von Katharina Runge am 30. Januar, 2012

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Hebammen sind einfach toll. Ich bin während meiner Schwangerschaft vielen begegnet und die meisten habe ich als sehr besondere Menschen wahrgenommen. Zu Beginn meiner Schwangerschaft kam ich mir vor wie ein Teenager. Schon lange hatte ich mich nicht mehr so unaufgeklärt gefühlt. Seltsamerweise half es auch nichts, Bücher zu lesen und rumzugooglen, ich konnte mir einfach nur sehr schlecht vorstellen, was in meinem Körper vorging und was als nächstes passieren würde.

Es mag kitschig klingen, aber ich bin überzeugt, dass ich vom ersten Moment der Schwangerschaft an eine Verbindung zu meinem Kind hatte. In der sechsten Schwangerschaftswoche hatte ich eines Abends Blutungen. Ja, ich hatte gelesen, dass das zu diesem Zeitpunkt nicht ungewöhnlich ist, aber ich hatte natürlich auch gelesen, dass es zu dieser Zeit zu Abgängen kommen kann. Mit bangem Herzen ging ich zu meiner Gynäkologin. Sie untersuchte mich kurz und stellte fest, dass ich noch immer schwanger war. Mir fiel der größte Stein meines Lebens vom Herzen. Nur ein Zellklumpen? Noch kein Herzschlag? Mir war das egal. Für mich war es mein Kind und ich hatte schreckliche Angst, dass ihm etwas zustößt. Aber genau diese Verbundenheit mit einem Wesen, das ich nicht sehen, nicht spüren, nicht riechen konnte, verwirrte mich. Ich verstand es nicht.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch noch keine Hebamme. Ich hatte aber auch keine Ahnung, wann man sich darum kümmern sollte. Eine gute Freundin hatte das schon sehr früh in der Schwangerschaft gemacht, meine Gynäkologin fand, dass es noch Zeit hatte. Da mein Geburtstermin dicht an der Weihnachtsferienzeit lag, kümmerte ich mich dennoch sehr früh. Prompt sagte die erste ab, weil sie einen längeren Urlaub plante.

Gerlinde war uns dann beiden von Anfang an sympathisch und wir beschlossen, zusammenzuarbeiten. Am Anfang erschienen mir die Abstände zwischen ihren Besuchen riesig. Naja, das waren sie ja auch. Aber nachdem ich zu meiner Gynäkologin nicht das ganz große Vertrauen hatte, genoss ich das Gefühl, dass da jemand ist, den ich jederzeit anrufen konnte. Meiner Hebamme gelang es, mir die meisten meiner Ängste zu nehmen und ich fühlte mich richtig gut aufgehoben. Ich genoss die Zeit nach der Geburt, in der sie jeden Tag kam. Jeden Tag hatten sich bei uns so viele Fragen aufgestaut und es war großartig, Antworten zu bekommen. Vor allem beruhigte es mich, dass sie jeden Tag einen Blick auf mein Kind warf. Für mich war es immer noch so schwer, ihn zu verstehen und abzuschätzen, ob es ihm wirklich gut ging. Ihr traute ich das zu.

Sie und viele von den Hebammen, mit denen ich bei Krankenhausaufenthalten, beim Geburtsvorbereitungskurs, beim Informationsabend und natürlich bei und nach der Geburt zu tun hatte, habe ich als sehr besondere Persönlichkeiten wahrgenommen. Sie waren einfühlsam, selbstsicher, kompetent und freundlich. Ich habe großen Respekt vor diesen Frauen, die einen so verantwortungsvollen Beruf ausüben.

Es ist nicht so, dass wir alles so machen, wie es uns die Hebamme empfohlen hat. Aber in Situationen, in denen wir uns uneinig sind, führt die Aussage „Gerlinde hat gesagt, …“, grundsätzlich zum Ende der Diskussion. Was Gerlinde sagt, stimmt.

Die Zeit, in der Gerlinde täglich kam, habe ich sehr genossen. Als die Abstände wieder größer wurden, fühlte ich mich schon etwas sicherer. Als sie sich dann nach acht Wochen ganz verabschiedete, wurde mir wieder ein bisschen mulmig. Sie beruhigte mich, indem sie mir erklärte, ich hätte Anspruch auf Beratung bis mein Kind neun Monate alt ist. Sieben Monate hatte ich also noch, in denen ich sie anrufen konnte. Das kam mir ewig vor. Ich war fest überzeugt, dass ich weit weniger unsicher sein würde, wenn Jordan neun Monate alt wäre. Ein bisschen stimmte das auch, wir lernten einander kennen, wurden vertrauter und sicherer. Dennoch nutzten wir ein paar Mal die Möglichkeit, sie zu kontaktieren.

Aber ehe ich es mich versah, war die Zeit um. Jordans Neunmonatsgeburtstag verstrich nicht ohne ein bisschen Wehmut meinerseits. Es war das Ende einer wunderbaren Zeit. Im Kopf weiß ich, diese Frau verhilft jährlich so vielen Kinder auf die Welt. Gefühlsmäßig aber ist die Beziehung zwischen uns als Familie und ihr etwas ganz Einzigartiges. Ich denke manchmal, Jordan müsste eine unsichtbare Verbindung zu ihr haben, aber da übertrage ich wohl mein eigenes Gefühl auf mein Kind. Aber das ist nur logisch: Gerlinde war hautnah dabei, als sich unser Leben eklatant veränderte. Sie konnte Kontakt zu Jordan in meinem Bauch aufnehmen, als er mir noch völlig fremd war. Sie hat mir meinen Bauch erklärt. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes.

Endlich Eltern: die Adoption unseres Sohnes

Veröffentlich von Katharina Runge am 19. Januar, 2012

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Ich habe es ganz vergessen, zu erzählen, hier im Blog. Dabei war es so ein schönes Erlebnis – wie konnte ich es nur vergessen? Und zwar: Jordans Stiefkindadoption durch meine Frau. Ich war überrascht, dass es ein schönes Ereignis war. Denn zuerst empfand ich es als einen lästigen, bürokratischen Akt mit durchaus diskriminierenden Zügen. Natürlich ist er das auch. Ich bin der Meinung, dass zwei Menschen, die gemeinsam beschließen, ein Kind zu bekommen, automatisch auch als Eltern verstanden werden sollten. Aber dazu später.

Bei uns ging es reibungslos und schnell. Schon vor der Geburt hatten wir uns einige Male beim Notar beraten lassen. Acht Wochen nach der Geburt konnte dann der Antrag auf Stiefkindadoption gestellt werden. Zunächst brauchten wir jede Menge Dokumente, die insgesamt nicht gerade wenig Geld kosteten. Meine Frau brauchte ein polizeiliches Führungszeugnis und ein ärztliches „Adoptionseignungsattest“ und eine Gerburtsurkunde. Ich musste eidesstattlich versichern, dass die Vaterschaft weder anerkannt noch gerichtlich festgestellt wurde und dass mir der Vater unbekannt sei. (Letzteres konnte ich nicht machen, weil er mir bekannt ist, wir aber vereinbart hatten, dass er in dem Verfahren nicht genannt wird.) Dazu kam noch ein aktueller Auszug aus dem Geburtsregister für Jordan und eine beglaubigte Kopie unserer Partnerschafturkunde. Ich glaube insgesamt haben wir mehr als 200 Euro ausgegeben.

Als das alles beisammen und eingereicht war, bekamen wir Besuch vom Jugendamt. Wir plauderten sehr nett mit der Dame, die dann sagte: „Also, ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass Sie sich das nicht gut überlegt hätten.“ Dann war sie wieder weg. Einige Zeit später wurden wir zum Gerichtstermin geladen mit der Begründung, das Gericht wolle sich ein Bild von unserer Lebenssituation machen. Wir waren schon ein bisschen aufgeregt. Ich telefonierte noch einmal mit unserem Notar und ließ mich beraten, was ich tun solle, wenn der Richter – weiterhin – nach dem Namen des Vaters fragen sollte. Er beruhigte mich, dass das alles halb so wild sein würde, niemand mich zwingen kann, den Namen zu sagen.

Dennoch war ich unsicher. Auf dem Weg zum Gericht schärfte ich meiner Frau ein, freundlich zu bleiben und nicht mit dem Richter über das Verfahrens zu diskutieren. Sie hielt sich auch daran und der Termin verlief ziemlich entspannt. Unseren Fall hatte, nachdem er zunächst von einer recht streng erscheinenden Richterin bearbeitet worden war, ein junger freundlicher Richter übernommen. Auch er erklärte mir, dass er dazu angehalten ist, nach dem Vater zu fragen, dass er mich aber nicht zu einer Antwort zwingen könne. Er war so freundlich, dass ich dann doch über die Unsinnigkeit des Verfahrens einige Worte verlor, aber nach wenigen Minuten erhoben wir alle uns feierlich und der Richter verkündete „im Namen des Volkes …“. Steffi war jetzt ganz offiziell Jordans Mutter. Wir hatten gar nicht damit gerechnet. Wir hatten die Vorstellung, dass wir da hingehen würden, und wir nach dem Gespräch irgendwann ein Dokument zugestellt bekämen, das unsere Elternschaft beurkundet. Stattdessen urteilte der Richter sofort, alles war rechtskräftig und ich war so gerührt, dass ich weinen musste. Das Gefühl, dass wir nun wirklich offiziell Eltern sind, war überraschend erhebend.

Vielleicht hatten wir einfach Glück, dass dieser Richter unseren Fall übernommen hat. Von den meisten befreundeten Paaren höre ich, dass alles wesentlich länger dauert. Entweder brauchen die Richter oder Richterinnen ewig für die Bearbeitung oder das Jugendamt schickt über Monate seinen Bericht nicht oder beides. Ich bin dafür, dass all das abgeschafft wird. In einer Ehe ist automatisch immer der Ehemann Vater, auch dann wenn das Kind durch künstliche Befruchtung und durch Samenspende entstand. Ich finde, das sollte in einer eingetragenen Partnerschaft genauso sein.

Rollenwechsel: Ich gehe wieder arbeiten

Veröffentlich von Katharina Runge am 10. Januar, 2012

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Als Jordan sechs Monate alt war, ging ich wieder zur Arbeit. Ich freute mich sehr, meine Kollegen und Kolleginnen wiederzusehen und kreativ sein zu können. Ich wurde herzlich empfangen. Alle fragten nach, wie es uns ergangen sei und wie es wäre, jetzt wieder zu arbeiten. Witzigerweise fragten fast alle: „Und wo ist jetzt dein Kind?“ Als ich dann antwortete, „zu Hause bei meiner Frau“, schüttelte man den Kopf, weil man das Naheliegende nicht bedacht hatte.

Traditionelle Familienbilder leben weiter
Ein bisschen irritierte mich das schon. Alle wissen natürlich, dass ich das Kind gemeinsam mit meiner Frau bekommen habe und viele kennen sie auch. Aber sie kamen nicht auf die Idee, dass sie sich jetzt um unser Kind kümmern könnte – stattdessen sahen sie es in einer Fremdbetreuung oder bei den Großeltern. Ich glaube, es liegt bei vielen am berühmten „Unwissen“, sie alle – übrigens auch viele unserer homosexuellen Freundinnen und Freunde – haben das traditionelle Familienbild im Kopf: Vati geht arbeiten, und kann da auch nicht weg, um das Kind zu betreuen, und die „Gebärende“ bleibt mit dem lieben Kleinen zu Hause. Und wenn sie nicht zu Hause bleibt, ist das Kind alleingelassen.

Auch für mich selbst war es am Anfang schwierig, wieder in die neue Rolle zu finden. Sechs Monate lang war ich nur für mein Kind da. Ich wusste, wann es was brauchte und wir hatten uns gut aufeinander eingespielt. Nun saß ich in der Arbeit und vermisste meinen Sohn. Kurz vorher hatten wir angefangen, mit ihm essen zu üben. Jordan mochte keinen Brei, auch keine Flasche. Er verschmähte alles, was nicht direkt aus meiner Brust kam. Meine geduldige Frau kochte Brei in unterschiedlichen Konsistenzen: stark püriert und mit Muttermilch verdünnt, weniger stark püriert ohne Muttermilch, … Er fand das alles interessant, griff gierig nach dem Schälchen, aber nach drei Löffeln war die Euphorie verflogen. Auch das Fläschchen konnte unserem Sohn gestohlen bleiben.

Mit den Gedanken beim Kind, das nicht essen will
Es brach mir das Herz. In den ersten Wochen fuhr ich nach vier Stunden Arbeit nach Hause, stillte ihn, und arbeite weiter von dort. Aber lange ließ sich das so nicht machen und der Gedanke, dass er nichts zu sich nahm, war für mich kaum auszuhalten. Dazu muss man allerdings sagen, dass unser Kind extrem wohlgenährt war. Viele waren der Meinung, Jordan würde sich schon ans Essen gewöhnen, wenn er merke, dass nichts anderes mehr zur Verfügung stehe. Und wenn er ein paar Tage etwas weniger bekäme, würde er ja nicht vom Fleisch fallen. Sie mögen alle recht gehabt haben, aber ich fand es dennoch schrecklich.

Es hat eine Weile gedauert, aber dann wurde Jordan doch ein ganz guter Esser. Er lernte sogar, aus der Flasche zu trinken – gerade als ich dachte, dass er es nun auch nicht mehr lernen müsse. Am Ende trank er sogar Pulvermilch.

Meine Frau und Jordan sind ein super Team
– ich genieße es, das zu sehen

Und nun bin ich also „Vati“: Ich sehe mein Kind im Höchstfall drei Stunden am Tag. Wenn wir am Wochenende einen Ausflug machen, weiß ich nicht, was ich alles für das Kind mitnehmen muss. Ich weiß nicht mehr, wann er wie viel isst, und abends frage ich meine Frau nach seiner Verdauung. Derweil sind Steffi und Jordan ein unschlagbares Team. Sie sind bestens aufeinander eingestimmt und lieben sich heiß und innig. Oft weint Jordan, wenn meine Frau aus dem Zimmer geht und reckt seine Arme in ihre Richtung. Ich finde es herrlich, das zu sehen. Wenn die beiden sich anschauen, sprühen die Funken. Steffi weiß, wie sie ihn aufmuntert, wenn er keine Lust auf Wickeln oder Anziehen hat oder im Auto schlechte Laune bekommt. Sie weiß, was er am liebsten isst und wann und wie er am liebsten schläft. Und ich genieße es, abends nach getaner Arbeit nach Hause zu kommen und von einem strahlenden Kind empfangen zu werden, das mir aufgeregt entgegen krabbelt.

Es gab Momente, in denen ich an unserem Vorhaben, die Elternzeit aufzuteilen, zweifelte. Ich dachte darüber nach, alles umzustoßen und erst nach einem Jahr wieder arbeiten zu gehen. Inzwischen freue ich mich, dass ich diesem Gefühl nicht nachgegeben habe. Ich finde es super, zu arbeiten, und meine Frau genießt die Zeit mit unserem Kind. So bin ich wirklich gerne der „Vati“.

Geschenke, Geschenke, Geschenke

Veröffentlich von Katharina Runge am 4. Januar, 2012

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Unser erstes Weihnachten liegt hinter uns. Noch ist Jordan zu klein für glänzende Augen und große Erwartungen. Ich habe festgestellt, dass mich diese Vorstellung auch eher beunruhigt. Dieses bange Warten, ob die Wünsche erfüllt werden, ist mir suspekt. Das Prinzip, bei Kindern Hoffnungen zu wecken, um sie dann großzügig zu erfüllen, finde ich fragwürdig. Vielleicht sehe ich das zu kritisch, aber diese Geschenke-Arien habe ich noch nie gemocht.

Zum Glück ist es Jordan noch herzlich egal, woher die Gegenstände kommen, mit denen er sich befasst. Doch eines Tages wird sich das ändern und ich hoffe ich werde gelassen damit umgehen können. Ich hoffe, dass er sich einfach über seine Geschenke freuen wird und was da alles dranhängt, Dankbarkeit, Liebe und so weiter, das wird er dann auch lernen, so ist nun mal das Leben.

„Für Weihnachten und Geburtstag zusammen“

Bei uns kommt hinzu, dass Jordans Geburtstag und Weihnachten sehr dicht beieinander liegen. Schon während der gesamten Schwangerschaft sagten alle: „Oh, hoffentlich kommt er nicht an Weihnachten.“ Das nervte mich nach einer Weile so sehr, dass ich es selber gar nicht mehr so schlimm gefunden hätte, wenn es passiert wäre. Nun hat Jordan einige Tage nach Weihnachten Geburtstag. Wir hatten uns fest vorgenommen, die beiden Feste streng voneinander zu trennen. Aber schon beim ersten Mal ist es uns nicht so richtig gelungen. An den Weihnachtsfeiertagen besuchten wir die 500 Kilometer entfernt wohnende Familie meiner Frau. Dort bekam unser Kind Geschenke, die „für Weihnachten und Geburtstag zusammen“ gedacht waren. Oder es gab ein extra Geschenk, das aber unbedingt schon ausgepackt werden sollte, weil wir ja an seinem Geburtstag nicht mehr da wären.

Jetzt finde ich das nicht so schlimm, er kann das ja noch nicht so gut auseinander halten. Aber ich möchte nicht, dass an Weihnachten das Schenken schon abgehakt ist und für den Geburtstag nichts mehr oder nur wenig übrig bleibt. Ich fürchte allerdings, es wird sich nicht vermeiden lassen.

Spannend ist das Verbotene

Jordan hat Unmengen an Spielzeug bekommen, wir wissen jetzt schon nicht mehr wohin damit. Wir haben einiges zur Seite gelegt, um es später wieder hervorzuholen, aber auch dadurch ist es nicht merklich weniger geworden. Doch am interessantesten für ihn sind Alltagsgegenstände und Dinge, die er eigentlich nicht in die Finger bekommen soll: Handys, Messer, Gabeln, Schlüssel, kleine verschluckbare Gegenstände und so weiter. Jordan ist jetzt ein Jahr alt und ich habe den Eindruck, dass er alles, was man ihm zum Spielen hinhält, schon genau deswegen langweilig findet. Er scheint für sich herausgefunden zu haben, dass die wirklich interessanten Dinge die sind, die man ihm nicht freiwillig gibt.

Was mein Mutterherz allerdings sehr freut, ist die Tatsache, dass Jordan Bilderbücher mag. Er krabbelt zu seinem Regal, zieht ein Buch nach dem anderen heraus. Wenn er sich für eines entschieden hat, klappt er es umständlich auf, zeigt auf etwas und brabbelt vor sich hin. Ich finde das wunderbar anzusehen. Wann immer mich jemand fragte, was man ihm zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken könne, sagte ich: Bilderbücher sind immer gut, davon kann man nie genug haben. Doch: weder zum Geburtstag, noch zu Weihnachten gab es auch nur ein einziges Bilderbuch! Dieses Phänomen beobachte ich schon seit Jordans Geburt: Die konkrete Äußerung von Wünschen scheint die Phantasie derartig anzuregen, dass am Ende etwas ganz anderes herauskommt.