Das Casting: Wir sind im recall!
Veröffentlich von Katharina Runge am 20. Februar, 2012
Wir sind eine Runde weiter – auf der Suche nach einem Kindergartenplatz. Nachdem Jordan geboren war, hörte ich von allen Seiten, dass es ratsam wäre, sofort mit der Suche nach einem Kindergartenplatz anzufangen. Da wir es schöner fanden, Jordan zu Hause zu lassen, bis er 18 Monate alt ist, war ich dennoch entspannt. Drei Monate nach seiner Geburt fing ich an, Kindergärten in unserer Nähe anzurufen.
Ich begann bei einem Kindergarten, der mir aufgrund seiner pädagogischen Grundlagen sehr empfohlen worden war: „Nee, wir sind total ausjebucht“, hieß es am anderen Ende. „Oh“, sagte ich und wagte es, dennoch nachzufragen: „Bis wann denn?“ – „Ach, weeß ick nich’, also bestümmt bis 2014.“ Ich persönlich bin ja Urberlinerin. Ich höre es auch gerne, wenn Menschen berlinern. In diesem speziellen Fall allerdings führte es dazu, dass ich ein kleines bisschen erleichtert war, dass mein Sohn nicht in diesen Kindergarten gehen würde. Naja, es war sicher nicht das Berlinern alleine, sondern der Gesamteindruck, den ich hatte.
Ich strich den Kindergarten also aus meiner Liste und rief beim nächsten an: „Ich nehme an, Ihr Kind ist noch nicht geboren“, tönte es da aus dem Hörer. „Äh, doch, sagte ich, es ist drei Monate alt.“ Die Dame war merklich überrascht, dass mein Kind schon so alt war. Gnädigerweise nahm sie mich dennoch in eine Liste auf. Ich hörte nie wieder etwas von ihr. Dann rief ich bei einem zweisprachigen Kindergarten an. In diesem Falle war man erstaunt, dass ich mich so früh meldete. Ich solle mich doch in einem Jahr nochmal melden. Aha, auch nicht schlecht. Meine Chancen seien aber nicht sehr groß, weil der Kindergarten vor allem für die Kinder von MitarbeiterInnen zweier nahegelegener Firmen gedacht wäre. Hm.
Etwas weiter weg gibt es noch einen englischsprachigen Kindergarten. Ich sprach mit der freundlichen Erzieherin, die mir sagte, ich solle auf ihrer Webseite ein Formular runterladen, ausfüllen und ihr per Post schicken. Ich tat das und der Brief kam zurück: „Empfänger unbekannt“. Die Adresse stimmte genau mit der Adresse überein, die ich im Internet fand – die Erzieherin war telefonisch nicht mehr zu erreichen. Das hatte sich dann auch erledigt.
Dazwischen schaffte ich es immerhin mit einigen Kindergärten Termine für ein Gespräch zu vereinbaren. Der erste war direkt in unserer Straße, nur ein paar Häuser weiter. Schon beim Betreten hatte ich ein beklemmendes Gefühl. Die Kindergartenleiterin hatte etwas von einem Feldwebel. Sie erklärte mir in stark gebrochenem Deutsch, dass sie großen Wert auf die Sprachentwicklung der Kinder legten. Ich fand es ein bisschen paradox, aber es störte mich nicht so sehr, da ich mir durchaus zutraue, selbst für die Sprachentwicklung unseres Kindes sorgen zu können. Als sie mich durch die trist aussehenden Gruppenräume und in den Garten führte, sah ich zwei Erzieherinnen, die intensiv mit ihren Handys beschäftigt waren, eine weitere Frau hatte Kopfhörer in den Ohren.
Nach dieser Erfahrung gaben wir uns große Mühe beim Ausfüllen der Bewerbungsunterlagen für einen Waldorfkindergarten. Inzwischen stand uns der Sinn nach Harmonie und Zugewandtheit. Per E-Mail bedankte man sich freundlich für unsere Bewerbung und erklärte, dass wir Anfang des Jahres von ihnen hören würden. Da es nur ein sehr kleiner Kindergarten ist, rechneten wir uns wenig Chancen aus. Wir mussten also weiter Ausschau halten.
Der nächste Termin war bei einem konventionellen Kindergarten. Ich hatte gar nicht so viel Lust, da hinzugehen, tat es aber dann doch. Und siehe da: Die Kindergartenleiterin war mir sehr sympathisch, sie hatte eine angenehme, entspannte Ausstrahlung. Trotz immerhin 160 Kindern war es im Gebäude angenehm ruhig. Die Leiterin erzählte stolz, dass wir bereits die dritte Regenbogenfamilie seien, die sich für diesen Jahrgang angemeldet hätte. Das freute mich schon ein bisschen. Nach einem intensiven Gespräch führte sich mich durch einige Gruppenräume. Überall wurden wir freundlich begrüßt, die Erzieherinnen war mir alle sympathisch. Ich war echt erleichtert. Hier konnte ich mein Kind ruhigen Gewissens hinbringen. Aber eine Garantie gab es auch hier nicht: „Die Chancen stehen gut, dass es klappt“, hieß es.
Ausruhen ging also nicht. Wir hatten kaum den nächsten Kindergarten betreten, fielen uns schon die Ohren ab: „Ach, da seid ihr ja!“, schrie eine Erzieherin mit schriller Stimme und begrüßte ein Kind und seine Familie. Dann gingen wir zum Gespräch ins Büro des Kindergartenleiters. Er erklärte uns das Konzept. Es gebe Gruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Wissenschaft, Werken, Musik und Montessori. Er führte uns durch die Gruppen. In der Musik-Gruppe hämmerte ein Kind auf ein Glockenspiel ein, die anderen Kinder passten sich dem Lärmpegel an. Die Wissenschaftsgruppe war gerade auf einem Ausflug, wir besichtigten die Räume, in denen sehr viele gebastelte Raumschiffe standen. Auf den Gängen waren es vor allem die Erzieherinnen, die sich lautstark miteinander oder mit den Kindern verständigten. In der Montessori-Gruppe war es etwas leiser, aber das half jetzt auch nicht mehr. Wenn hier schon die ErzieherInnen so schrieen, wie sollten sich dann die Kinder verhalten?
Es blieben also zwei Kindergärten in unserer engeren Auswahl. Vor einigen Wochen erhielten wir eine Zusage von dem großen Kindergarten mit der netten Leiterin. Wir waren sehr erleichtert. Dann kam noch der Anruf des Waldorfkindergartens. Sie möchten uns gerne kennenlernen. Damit gehören wir zum engeren Kreis der Familien, die für die vier freien Plätze in Frage kommen. Wir sind also im recall. Auch hier fühlten wir uns sofort wohl. Ein kleiner freundlicher Kindergarten mit gesundem Essen, das könnte uns auch gefallen, auch wenn der Weg ein bisschen weiter ist.
Wir haben also (fast) zwei Kindergartenplätze. Das ist toll! Neulich traf meine Frau im Babyladen eine Familie, mit der sie mal einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hat. Man unterhielt sich über die lästige Suche nach einem Kindergartenplatz. „Die haben noch gar keinen“, erzählte meine Frau. „Naja“, sagte ich wissend, dann haben die zu spät angefangen … .“ – „Nein,“ sagte meine Frau, „die haben auch direkt nach der Geburt angefangen. Ich glaube, die sind zu ,normal’. Sie sind heterosexuell und haben ein weißes Kind.“ Tatsächlich fiel mir auf, dass viele Kindergärten ihre integrative Arbeit betonen. Vielleicht werden sie dann stärker subventioniert. Jedenfalls müssen sie die Integration dann ja auch umsetzen, dafür brauchen sie die entsprechenden Kinder … Aber das ist nur eine Vermutung. Sicher ist jedenfalls, dass es gar nicht so leicht ist, einen Kindergartenplatz zu bekommen. Die Kindergärten sind alle hoffnungslos überlaufen und viele von ihnen sind noch dazu in einem fragwürdigen Zustand.







