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GEIL: der neue Man’s Style?

Veröffentlich von Egbert am 10. Juni, 2009

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Hello possums,

nun möchte ich doch bitte etwas richtig stellen bezüglich meines Kommentars zum Homoehe-Artikel im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Manchmal wünsche ich mir, dass die Reden der Leute (auch meine eigenen) durch Untertitel ergänzt würden … es interessiert mich, at the end of the day, letztendlich nicht, ob ich verstanden werde, Hauptsache: Ich möchte auf keinen Fall missverstanden werden!

Nein, ich habe nichts gegen die Homoehe, ich bin (wenn auch aus praktischen, nicht aus emotional-sentimentalen) Gründen dafür, und ich habe auch nichts gegen ältere Schwule (und die beiden knutschenden Opis auf dem Cover fand ich cool – bei deren Anblick beteten sicher so einige Heten die Kloschüssel an!) – Herrgottnochmal, ich bin selbst einer, Kinder, ich war schließlich bei der Arbeit an den Pyramiden dabei! Waren schwierige Zeiten! Dunkel traumatisiert erinnere ich mich auch noch an die Anfertigung eines Goldcolliers für Montezuma! Dies nur dazu. Und jetzt bin ich in Eile, ich habe eine Verabredung mit meiner Bewährungshelferin, dennoch kurz ein Hinweis auf ein weiteres Dafür-haben-wir-nicht-gekämpft-Erlebnis.

Neulich beim Zeitschriftenhändler meines Vertrauens entdeckte ich die erste Ausgabe von GEIL MAGAZINE (5 Euro halbjährlich). Da greift man als Magazin-Junkie doch gleich zu!

“The New International Man´s Style Magazine” kommt aus der Danzigerstrasse 153 in 10407 Berlin. Spricht man dort kein deutsches Wort mehr?! Das ganze Heft ist auf Englisch und tönt, um sich vorzustellen, aufgeblasen-blumig: “Geil Magazine is an entirely new magazine concept for the German market – a fashion magazine for men including features on grooming, art, shopping, interesting gadgets, travel and lifestyle for the mature and modern man” Possums, wann habt Ihr das letzte (zum letzten) Mal einen reifen und modernen Mann getroffen?! Und warum nennt sich dieses ultraschwule (aber diesbezüglich voll verklemmte) Heft  GEIL?  “Geil also because the act of speaking a new language makes possible the performance of a new personality, a new person with new possibilities, in the same way that even the sound of a speaker´s voice alters in shaping sounds that are not present in another tongue. Geil Magazine is about new possibilities, and a visual language through which men´s fashion has a new emotion: GEIL!”

Harter Tobak! Und im Reiseteil wird, naturally, Berlin gehypt zu “Europe´s Capitol of Cool” und: “Europe´s most vibrant and cosmopolitan place to visit”. Wir lieben ja unser Berlin, aber – liebe Geil-Schwestern, schon mal in London oder Paris gewesen? So klappt das nicht! Für Fashionistas jeglicher Couleur bleibt die Bibel deshalb immer noch L´UOMO VOGUE, gut ist auch WING. aus Amsterdam, das nennt sich dann gleich erfrischend “global queer culture”  im Untertitel. So geht´s halt auch …

Hallo possums, die Dafür-haben-wir-nicht-gekämpft-News nehmen kein Ende. Der Teufel steckt wie immer im Detail (oder im Kleingedruckten des Lebens). Die Süddeutsche Zeitung fällt mir da doch zuweilen mit dezent plazierten und kaschierten homofeindlichen (oder einfach dümmlich unüberlegten) Bemerkungen unangenehm auf. So am 22. Mai im Magazin. Titel: zwei alte Männer, knutschend, “Der Mann fürs Leben” (siehe Bild unten), die seit 48 Jahren zusammen und seit 1999 verheiratet sind. Da ärgert mich doch der Satz “Vor zehn Jahren wurde in Deutschland die Homo-Ehe erlaubt” und der Kitsch-Satz “1999 durften sie endlich heiraten.”

Wo sind die Kleenex?! Ihr Lieben, wer darauf wartet, Rechte geschenkt zu bekommen, kann laaaange warten! Da dachte sich die heterosexuelle Bundestag-Community: Scheiss drauf, wir erlauben es ihnen halt, und sie dürfen, wenn die Ollen denn wollen. Falsch, geringschätzig und herablassend ist hier der Gebrauch der Wörter “dürfen” und “erlauben”.

Ich sage: Rechte bekommt man niemals geschenkt, die erkämpft man sich! Die beiden Männer sind nett, aber “entschärft” (weil alt) und happy und ungefährlich im Heten-Mainstream! Gott möge sie segnen (traumatisiert sind sie immer noch), vor allem deshalb, weil sie nur wegen des “Geschenks” der Hetenwelt denn doch nicht ins mentale Wachkoma gefallen sind. Sie sagen es deutlich: Nämlich, dass von 1945 bis 1969 140000 Männer wegen des Paragraphen 175 verurteilt wurden. Homosexualität wurde mit bis zu fünf Jahren Gefängnis “bestraft”. Und der üble Nazi-Paragraph galt noch bis 1994 für Sex mit Männern unter 18 Jahren. Aber auch zu 18%-Guido Dauerwelle, dem heuchlerischen Teletubby der FDP, haben sie etwas zu sagen: “Die FDP hat damals mit der CDU gegen die Homo-Ehe gestimmt. Das sagt, glaube ich, alles.”

Trash, wohin man blickt! Da hilft zum Beispiel die Ausstellung “Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden” in der Berliner Gemäldegalerie im Kulturforum Potsdamer Platz, nur noch bis zum 21. Juni!

Ganz wie früher: Dafür haben wir nicht gekämpft! (II)

Veröffentlich von Egbert am 27. Mai, 2009

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Hallo possums, ich melde mich nach einiger Zeit wieder, aber sorry, ich war auf der Flucht … vor dem Leben. Tadellos, aber mittellos gab ich mich in einem Café in Alt-Treptow (mein neuer Hit nach dem Wedding – da kannst Du Deinen Muff drauf setzen, Schwester, das wird das neue Kreuzberg!) der Medienkontrolle hin, blätterte in diesem und jenem Magazin und in der und der Zeitung und schon ereilte mich wieder einer dieser Dafür-haben-wir-nicht-gekämpft!-Augenblicke! Protagonist war der Joop, der Wolfgang. Nun war ja die Heiligensee-Triene (“Ich weiss, was Armut ist!”) schon immer etwas suspekt, aber leidlich amüsant, versuchte allerdings doch zu angestrengt, den Karl Lagerfeld für die Discounter-Community zu geben (er imitiert sogar die Handschrift und den Zeichenstil der Grossen Sonnenbrille!).

Im Vergleich mit dem herrlich genialen KL ist unser Potsdamer Schneiderlein aber denn doch nur wie ein 8fach benutzter Teebeutel. Für die  BILD-Werbekampagne “BILD Dir Deine Meinung!” dichtete er etwas, das beweist, dass Sonnenstudios und Botox Gehirnschäden hervorrufen. Also rappte das Wolferl los: “`Bild´ ist `camp´. Übersetzt heißt das, man hat einen eigenen Stil. Einen, der polarisiert. Mal ist man `under the top´, mal `over the top´. Meist ist man aber einfach geradeaus. `Bild´gibt meinem Affen täglich Zucker!”

Ähä? Versteht Ihr das?! Allmächtiger, lass Hirn regnen vom Himmel! Das ist doch ein mittlerer Niedergang! Wolfgang, “camp” ist zwar mehr als ein Zeltlager, aber was Du da von Dir gibst, das ist submongoloid! Oder ist das die Art von verko(r)kster Ironie, wie sie in Potsdamer Villen bei sanft klirrenden Teetassen gepflegt wird? Wir bitten um Aufklärung! Danke!

Da fällt mir gerade ein – hier noch der passende Satz, mit dem man jeden und jede fertig machen kann, der/die sich Dir gegenüber eine Unverschämtheit erlaubt: “NOCH EINEN SCHRITT WEITER, UND ICH WERDE DIR HÖCHSTPERSÖNLICH ETWAS ÜBER DICH ERZÄHLEN, DAS DU WEISST, ABER  NOCH NIE IN WORTE GEFASST HAST UND DAS DEINEM SELBSTBILD EINEN SCHWEREN, WENN NICHT SOGAR TÖDLICHEN SCHADEN ZUFÜGEN WIRD.”

Meine Tipps des Tages:
Filme:
DIESE NACHT von Werner Schroeter
“BRÜGGE SEHEN… UND STERBEN?” von… hab den Regisseur gerade nicht parat, aber ein toller Gangsterfilm!
Gewarnt wird heftigst vor LIEBE AUF DEN ZWEITEN BLICK (verlogener Seniorensex mit Zwerg Dustin Hoffman!)

Bücher:
MÜTTER UND SÖHNE von Colm Toibin
JAMES BIDGOOD (Meister des schwulen Kitsches)

CDs:
OBOROTY von La Minor (mitten im Balkan-Hype herrlicher russischer Gaunerswing, von St.Petersburg bis nach Odessa, liebevoll und leidenschaftlich)

Im trüben Tal der Heten – The Fire next Time?

Veröffentlich von Egbert am 22. April, 2009

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Früher gab es einmal in der “Siegessäule” auf der ersten Seite den Kasten “Dafür haben wir nicht gekämpft“, immer sehr amüsant, oder bitter-süß, und deshalb interessant, weil sich ja häufig am kleinen, eigentlich unbedeutenden Detail der wahre Zustand der Welt zu erkennen gibt.

Selbst auf die Gefahr hin, wie eine verzickte Bewegungs – oder Krawallschwester (beide Rollen sagen mir sehr zu, by the way!) zu klingen: Possums, wie euch the one and only Dame Edna immer besonders liebevoll nannte, der Frühling mag ja kommen, das Klima wird aber nicht besser. Ich bin es einfach unendlich müde, von Übergriffen auf Schwule und Lesben und alles “Andere” zu hören und zu lesen. Ja ja, dieses tolerante Berlin … alles eine Lüge, wenn man mal den Regenbogen-Multikulti-CSD-etc-Lack abkratzt. Ein gelegentlicher Waffenstillstand ist kein Frieden!

Ja, Allmächtigster, wo befinden wir uns denn?! “Schwul” und “Spasti” sind die favorisierten Schimpfwörter an deutschen Schulen, im “Spiegel” lese ich unter “Vermischtes” neben einem (natürlich) halbnackten Rupert Everett (49), ein ganz toller Autor und sehr guter Schauspieler, dass er meint, er sei nicht Filmstar geworden, “weil ich schwul bin”. Und es stimmt doch – nach seinem Coming-out 1989 war sein Ruf als “echter” Filmheld und Leinwand-Herzensbrecher ruiniert. Dass er noch freimütig mitteilte, während seiner Schauspielzeit in London als Callboy gearbeitet zu haben, war nun auch nicht hetenfreundlich. Das ist grundsätzlich ein anständiger Beruf, der keine doppelte Diskriminierung von Heten braucht! Karriere à la Richard Gere, Gary Grant, Brad Pitt etc kaputt. Jetzt kann Rupert für den Rest seines Lebens den schwulen Freund der weiblichen Hete, den fiesen, ausländischen Bösewicht oder den britischen Exzentriker mimen. Mehr ist nicht in der Tüte!

Aber auch der Zustand des Feminismus ist doch im Eimer bei den Feuchtgebieten – Alice Schwarzers Waterloo ereilte die nach Anerkennung vom männlich-heterosexuellen Establishment (“Jungs, bitte bitte, ich will rein in euren Club!”) lechzende Kaftanträgerin spätestens mit ihrer Werbung für BILD – nein, dafür haben die Suffragetten, Rosa Luxemburg, die Frauen der 1960er und 1970er und später wirklich nicht gekämpft! Es ist ein Trauerspiel – wenn man an alle historischen Kämpfe denkt, die Frauen für Gleichberechtigung ausgefochten haben, und dann sehe ich im Tip auf der Seite “Schönes Wochenende” das Bild einer im Wachkoma befindlichen Janett Haid (24), Blümelein im Haar, die “Kulturwissenschaften studiert”, und die da zum 8. 3. dumpf-und-dick-backig anmerkt: “12:00. Ausschlafen ist am Sonntag Pflicht! Bei einem ausgiebigen Kaffee komme ich langsam zu mir. Zwischendurch fällt im Radio noch das Wort ‘Internationaler Frauentag’, ach ja! Warum feiern wir diesen Tag eigentlich? Werde ich demnächst mal googeln!”

Janett, die Wahrheit ist: Fashion has forgotten you. Und ändere deinen Namen und google mal den kommenden Ersten Mai, bevor du zur Party gehst.

Das jedenfalls, meine Lieben, wäre einer Lesbe nicht passiert!

AMAZING GRACE

Veröffentlich von Egbert am 20. April, 2009

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“Bye Bye Miss American Pie” – in der Tat! Im März zeigte es sich im Berliner Tempodrom, wie alt Madonna aussieht – im Vergleich zu Grace Jones. So muss eine Performance aussehen – cool, erwachsen, metallisch, urban, ironisch, gefährlich sexy – und nicht wie eine Teenie-Mitsing-Gymnastik-Stunde. Man war ja skeptisch – aber das legte sich sofort. Der kantigste, fremdartigste, androgynste Star der 80er ist zurück und hat Lust, auf den großen Vorhang! Und sie ist 60 – mal sehen, wie Madonna sich in 10 Jahren “neu erfindet” – als ob es da etwas gäbe, was man erfinden könnte.

Grace Jones ist ein sublimes Gesamtkunstwerk – so stellt man sich im Idealfall zum Beispiel Genderbending, Bodybuilding und Modeling vor. Das inzwischen zehnte Album “Hurricane” knüpft zwar unangestrengt und stilsicher an alte Erfolge an, ist aber irgendwie aus der Zeit herausgelöst, ist weder modern noch nostalgisch, sondern ist nur: GRACE JONES. Sie spielt in ihrer eigenen Liga.

Als Performerin ist sie großartig. Sie weiß, auf der Bühne geht es um Drama, Baby, Drama, nicht um Tänzer und niedlichen Firlefanz á la  Britney-Kylie etc. Sie reduziert alles aufs Notwendigste, um dann tausend dramatische Statements zu formulieren. Die ganze Show ein Spiel von Identifikationsangeboten, wobei sie dauernd zwischen Bildern sexueller Lockung und exklusiver Reinheit – Unberührbarkeit! – hin und her pendelt. Sie ist gleichzeitig vollkommen präsent als auch ganz und gar abwesend – auch von sich selbst in ihrer seltsamen Anwesenheit. Sie ist die vollkommene, post-moderne Ikone: eine Reibungsfläche, die nichts bedeutet oder alles. Ihre Erscheinung ist aus kontrastierenden Elementen zusammengesetzt, eine Montage der Attraktionen.

Die coolsten Frauen Berlins waren beim Konzert – das war nicht immer so. Als ein weibliches Totem oder Golem verstörte die “Queen of Gay Disco” ab 1977 zunächst alle herkömmlichen Formen des Feminismus. Für dessen Volksschullehrerinnen war sie zu frivol, für dessen Puritanerinnen zu sexuell, für dessen Sensibelchen zu stark, zu geschäftstüchtig für dessen Pazifistinnen, zu kapitalistisch für dessen Linksradikale, zu effektiv für dessen Neurotikerinnen.

Ihre “andersartige” Schönheit (Flat-Top-Frisur, strenge Silhouette etc.) wurde oft nicht “verstanden” – aber die androgyne Schönheit hat sich schon immer an eine höhere Ordnung des Verlangens gerichtet – eine Art Liebe, die sich über das Besondere erhebt, eine Art Liebe, wie sie Kinder und tief religiöse Menschen kennen.

Und PS: Grace Jones hätte sich nicht von Sean Penn getrennt!

Und Beauty-PS von Grace: Vier Liter Wasser pro Tag trinken.

Selbstkrönung einer professionellen Witwe

Veröffentlich von Egbert am 14. April, 2009

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“Mach doch mal ein richtig gutes Foto!” (Susan zu Annie)

Neulich im Wedding, wohin ich mich in letzter Zeit gern begebe, um spazierenzugehen. Und da dachte ich, der Wedding ist Hype-resistent, aber nein, der Hype hatte Mitte Februar ihn erreicht: In der Badstraße sehe ich ein Plakat: ANNIE LEIBOVITZ KOMMT. Ob es den gemeinen Weddinger interessiert, dass AL einen Orgasmus ankündigt, darf bezweifelt werden. Die AL-Ausstellung bei C/O ist jedenfalls der Hype des ersten Berliner Halbjahres.

Sie will unbedingt ins Museum, wird es aber wohl nur ins Museum des Zeitgeist schaffen. Amerikas berühmteste Magazin-Celebrity-Knipserin hat den Ehrgeiz, in einem Atemzug mit ihren Vorbildern Irving Penn und Richard Avedon genannt zu werden. Jedoch ist der künstlerische (vom stilistischen Anspruch und von der Bildsprache her) Abstand zu diesen beiden Giganten ziemlich groß und evident. AL spürt das wohl selbst. Sie inszeniert die Reichen und Schönen und Mächtigen aufwändig, arrangiert sie wirkungsvoll anhand eines konzeptuellen Einfalls (Bette Midler mit Rosen bedeckt, Whoopie Goldberg liegt in einer Badewanne mit Milch, Arnold im Schnee in Riefenstahl-Pose. etc). Da war die Glamour-Fotografie der 30er- und 40er-Jahre  doch  eindrucksvoller! AL disneyfiziert, sie zeigt nicht die Essenz einer  Person (was auch immer das letztlich sein mag, jedenfalls kamen Avedon und Penn dem sehr nahe), sondern nur  ironisch, unkritisch, vielleicht leicht zynisch die gebrochene Überhöhung der derzeitigen Rolle. Das alles ist zu glatt und ausgebufft. Und AL jammert verlogen, dass sie gern “die Seele” sichtbar machen würde, aber mit ihrem gigantischen Team (dessen häufiger Kommentar zur Chefin: “Der Teufel trägt eine  Kamera!”) oft nur eine Viertelstunde Zeit hätte für die Aufnahmen. Wie bitte?! Sie meint selbst, dass ihre “Familienbilder” mehr Tiefe haben. Allzu tief beeindrucken sie mich aber auch nicht. Ihre Auftragswerke sind das visuelle Gegenstück zum Big Mac – schmeckt lecker, ist schnell und vergänglich.

Fragwürdig sind dann auch die Fotos, die sie von der sterbenden Susan Sontag machte. Hat AL Sontags Buch DAS LEIDEN ANDERER BETRACHTEN denn nicht gelesen? Sontags Sohn David Rieff (der AL in seinen Erinnerungen an die Mutter TOD EINER UNTRÖSTLICHEN nicht gerade freundlich behandelt) war gegen deren Veröffentlichung, ebenso Sontags Freunde. ALs Buch AT WORK, ein Bericht über die Jahre 1995 – 2005 ist eine arg textlastige, pseudokritische, selbstverliebte (ja, wir wollten unbedingt wissen, dass sie mit den Rolling Stones ein Koks-Problem hatte!), inhaltlich dünne Selbstbeweihräucherung. Ironischerweise gefallen mir die an die  Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts erinnernden (wundervollen) Fotos, die AL von der Queen machte, am besten – die Qualitäten ALs kommen hier am besten zum Ausdruck, da es nur um Repräsentation geht und nicht um den Anspruch, “Seele” zu enthüllen.