Eins fehlte noch – eine genaue Zahl, hier ist sie und stammt von den EuroPride-Verantwortlichen. Es sind sogar zwei: “Knapp 50.000 Menschen nahmen an der grossen Parade teil und demonstrierten am 6. Juni für ihre Rechte Your rights are my rights, rund 50.000 Menschen säumten den Strassenrand.” Macht also 100.000 – danke Zürich!
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Politisch und Lesbisch und ein bisschen Dada
Veröffentlich von AHergeth am 8. Juni, 2009
Was bleibt im Gedächtnis vom EuroPride in Zürich? Die perfekte Organisation zum Beispiel. Alles klappte wie am Schnürchen. Perfekter als in Deutschland, echt! Bürgermeisterin Corine Mauch eröffnete den Marsch durch die Stadt mit einem Scherenschnitt genau eine Minute vor dem eigentlichen Start um 15 Uhr. Zwei Stunden sollte sich der Zug mit verschiedensten Vereinen, Initiativen, Parteien und Einzeldarstellern aus der Schweiz, aber auch aus benachbarten Ländern, durch Zürichs Altstadt schlängeln – und so lange dauerte das Ganze tatsächlich. Den Organisatoren standen übrigens 300.000 Franken zur Verfügung, zwei Drittel davon brachten Sponsoren auf, den Rest teilten sich Stadt und Kanton. Ein Heer von Ehrenamtler leistete erstaunliches.
Was bleibt? Viele bewegende Momente. Etwa, als zum Parade-Ende neben Corine Mauch auch Michaela Copot sprach. Die 34-Jährige arbeitet für Amnesty International in Moldawien und sprach von den katastrophalen Zuständen in ihrem eigenen und vielen anderen osteuropäischen Ländern, was die Rechte Homosexueller angeht. Dafür erntete sie viel Beifall und zustimmende Rufe. Ja, der EuroPride 2009 war ein lesbisch dominierter Event, nicht zuletzt wegen Corine Mauch.
Überhaupt fiel auf: das war ein politischer EuroPride! Hier ging es auch, aber eben nicht nur um Party. Zu Beginn des EuroPride-Wochenendes fand zum Beispiel der Aidswalk zugunsten von Jugendprojekten der Aids-Hilfe Schweiz statt. Deshalb hingen entlang der Wegstrecke durchs Dörfli (wie die Altstadt genannt wird) überall an den viele Jahrhunderte alten Fachwerkhäusern überdimensionale Red Ribbon-Schleifen. Und der Stonewall Award – der jedes Jahr auf dem Züricher CSD und diesmal eben jetzt verliehen wurde, weil es den CSD nicht extra gibt –, ging an ein traumhaftes Paar: Ernst Ostertag und Röbi Rapp sind seit mehr als 50 Jahren ein Paar. Die beiden heute 79-Jährigen waren 2003 die ersten, die heirateten, als in der Schweiz eingetragene Lebenspartnerschaften erlaubt wurden. Sie sind Vorkämpfer für die Rechte von Homosexuellen und haben acht Jahren lang die schwule Geschichte der Schweiz auf mehr als 1000 Seiten aufgeschrieben (www.schwulengeschichte.ch). Die Geehrten selbst mussten weinen, vielen Anwesenden – die beiden sind offenbar gut bekannt – stand die Rührung ebenfalls ins Gesicht geschrieben. Ein Gänsehautmoment.
Ein bisschen Anarchie fand sich dann doch, aber eher am Rande: Im Dada-Haus – eben da, wo einst die Kunstrichtung erfunden wurde – gab es eine Ausstellung, die sehr alternativ und unordentlich und schönerweise queer daher kam, weil von Lesben und Transgender extra zum EuroPride ausgerichtet. Im Café DuDa lässt sich übrigens gut schwadronieren und im Dada-Shop lauter ulkiges Kunstzeugs kaufen – hippe Stoffbeutel mit langen Henkeln für Berliner Jungschwule zum Beispiel … Schade, dass ich schon wieder zuhause bin. Zürich, ich komme wieder!
die luft ist raus. die kunterbunten und mit luft gefüllten riesigen sterne, die als europa-sterne eben an unseren schönen kontinent erinnern sollten, hängen schlaff im wind. die party ist aus, der europride geschichte, und schon wurde in windeseile – scheinbar über nacht – vieles beseitigt. die vielen stände, buden und bühnen des großen stadtfestes sind gegen mittag schon verschwunden. nur noch die regenbogenflaggen an den masten der strassen und auf den trams erinnern an gestern. müll, dreck ist nirgends zu sehen, eine einsame leere sektflasche erinnert wehmütig an die feucht-fröhliche nacht.
ich hab vom abbau nichts mitbekommen. ich war tanzen. im klub “t&m”, eine der besten adressen der stadt, wenn man spass haben will. mitten in der altstadt gelegen, zwei dancefloors, unten eher mix und viel 80er-jahre, oben elektro. wie man das von zu hause auch kennt. nur das in berlin keiner bei französischem pop mitgrölen kann … es handelte sich um die offizielle eurpopride-party, es fand noch eine weitere statt, weit außerhalb des zentrums. Ich hatte darauf keine lust, ein paar erstklassige pornostars traten dort auf, u.a. vom berliner label cazzo. pornos muss ich immer berufsmässig gucken. da wollte ich lieber normale leute gucken, hat auch viel spaß gemacht. volles haus schon um halb elf, ganz anders als daheim, gegen mitternacht ist der laden rappelvoll. man kommt schnell ins gespräch. schöne stimmung, ausgelassen, lebendig, alles locker, die leute hier gehen nett miteinander um. sehr international, und auch gemischt, viele frauen, sonst sind die schwulen hier eher unter sich. stricher sind auch da, für die ist so ein internationales grossevent eben ein grosses geschäft. und ein paar drogendealer stehen rum, denn die gibt es in zürich – man denke an die 90er-jahre – eben auch immer noch. ansonsten ist viel eis im glas, wenn man einen longdrink bestellt. ein wodka-cola kostet knapp 16 schweizer franken, das sind rund 11 euro. teures vergnügen! das geld für meinen spass krieg ich mit blog-schreiben nicht wieder rein. hat ja aber spass gemacht.
nach dem frühstück bin ich in die stadt, aber da war ja schon alles abgeräumt. ersatzprogramm: kunst gucken. es gibt hier jede menge galerien, rund 200 sollen es sein, und 50 museen! in der sonne am züricher see sitzen, bratwurst essen – ja: die züricher lieben bratwurst – oder einen milchkaffee im überfüllten café “odeon” trinken, wo lesben und schwule wie auf der hühnerstange sitzen. tja, sehen und gesehen werden. die stadt ist eh noch voll von uns. ja, wir sind am sonntag sogar immer noch in der mehrheit. auch am flughafen. lauter lesben und noch viel mehr schwule checken ein und fliegen nach hause, in die halbe welt (die andere hälfte war leider nicht angereist). im gepäck viele erlebnisse. deshalb gibt es morgen noch ein resümee von mir.
nur eins jetzt noch: die ach so geschätzte und hierzulande gern zitierte neue züricher zeitung hat in ihrer sonntagsausgabe von heute den europride mit ganzen neun zeilen erwähnt. auf seite 13! man schreibt von “mehreren zehntausend” teilnehmern und “20 gruppierungen mit 20 fahrzeugen” und hat ein bild dazu gestellt, das einen goldbeschmückten teilnehmer der parade in einer art thailand-outfit zeigt. “schillernde europride” steht unterm foto – das war’s dann auch schon. hm? ob morgen mehr nachgeschoben wird? keine ahnung. ich bin dann weg – ade zürich!
manchmal hat man glück und ist bei einem magischen moment dabei. als corine mauch, zürichs bürgermeisterin, das rote band durchschnitt, um den startschuss für den europride – also den zug durch die stadt – zu geben, war so einer. die allererste frau im amt und dann noch eine, die nie ein hehl daraus gemacht hat, dass sie lesbisch ist – ja, das kommt einem wunder gleich. cornine mauch führte den zug an, durch die ganze altstadt marschierte sie vorne weg, manchmal arm in arm mit ihrer frau, meist von europride-verantwortlichen umringt (und einer pressmeute, gab das doch tolle bilder ab).
wunder passt gleich mehrfach. denn der europride hätte ja schon ein jahr zuvor in zürich stattfinden sollen, wurde aber verschoben – wegen könig fussball. gut so, wie sich erst jetzt zeigen sollte, denn so konnte corine mauch das europride-zepter schwingen. und wie sie das tat, hatte charme: mit “sehr verehrte damen und damen, sehr verehrte herren und herren” begrüsste sie die zahlreichen zuhörer ihrer rede zur europide auf grosser bühne. typisch schweiz, sagte die bürgermeisterin ihrem publikum gleich in mehreren sprachen “hallo”. das kam sehr gut an, so wie die botschaft überhaupt: zürich setzt ein starkes zeichen für gleichberechtigung von schwulen, lesben und tansgender. “es gibt noch viel zu tun”, sagte corine mauch und meinte damit nicht nur ihr land, sondern ganz europa – und besonders den osten, wo homosexuelle noch immer drangsaliert werden und “nicht so selbstverständlich wie hier in zürich auf die strasse gehen können”. ihre rede brachte viel beifall, vor allem immer dann, wenn zur sprache kam, dass mit ihrer person eine lesbe das sagen in zürich hat. tolles gefühl, dabei zu sein. lauter magische momente.
wobei: so ganz selbstverständlich ging der europride keineswegs über die bühne. im vorfeld hatte die “familienlobby” stunk gemacht. der verein fundamentalistischer christen hatte dazu aufgerufen, für regen am tag des europride zu beten, damit die “teuflische sache” ins wasser fiele … nun, morgens regnete es wirklich in strömen, auch mittags noch, und kurz vor start des europride. doch dann geschah ein wunder: als corine mauch das band durchschnitt hörte es auf zu regnen und die sonne brach sich bahn. ehrlich. und unglaublich: gänsehaut, lachen, freudenschreie. “wir beten für sonnenschein” war auf einem der vielen transparente zu lesen. es hatte scheinbar genützt. das lag sicher auch an jerome, von beruf bänker, der als dragqueen lola glitter in zürich bekannt ist. lola glitter sah umwerfend aus und trat zum pride als”miss familienlobby” mit schicker schärpe auf. “die sollen nur kommen”, sagte jerome kurz vor start lachend, “da hinten stehen sie und warten schon.” doch als der zug begann, hatten sich die protestler schnell verzogen. war ja nicht mal der wettergott auf ihrer seite.
der sonnenschein hielt sage und schreibe zwei stunden, genau so lange brauchte der zug von seinem start bis zum ziel. dann gab es wieder viele kurze duschen. war aber auch nicht schlimm. man nahm es mit gelassenheit. schwule, lesben und transgender können auch gut im strömenden regen tanzen.
apropos tanzen: auf der hauptbühne legten viele djs aus halb europa auf, na ja: aus halb westeuropa auf, es gab keinen einzigen dj aus osteuropa. aber dafür sorgte dj jan fischer aus berlin für stimmung. der sass übrigens auch im flieger so wie ja auch nina queer. meine lieblings-dragqueen legte nachmittags auch auf – ups, dabei dachte ich doch, sie hätte zürich längst verlassen … hatte mich schon gewundert, dass nina so früh am morgen in der lage ist, zu fliegen. sie flog erst abends. ihre kneipe “zum schmutzigen hobby” feierte doch geburtstag. ich bleib noch. und nehme langsam abschied von zürich. vielleicht geh ich noch züricher geschnetzeltes essen, wenn man schon mal da ist … grüezi aus dem gleich mehrfach wunderbaren zürich.
zürich nervt. nirgends klappt es mit dem kabellosen netzzugang, auch nicht im hotel, das damit aber wirbt. das ist generell ein schwieriges ding in der stadt, erklärt lächelnd die dame an der reception. damit rechnet man nicht. na ja, das internet haben ja auch nicht die schweizer erfunden – jetzt ist der kalauer vom tisch.
so ein trip zum europride ist nicht frei von klischees. es geht schon beim abflug los. man kennt ja immer jemanden … nina queer sitzt im flieger. “hallo cheffe” raunt sie mir zu, schliesslich schreibt sie in DU&ICH regelmässig eine kolumne. sie hat gestern abend aufgelegt. ich war da, gerade als karel gott “in einem unbekannten land” sang, betrat ich eine art aufblasbaren wattebausch, eine temporäre halle, wo es tags über drinks und infos gibt, abends eben party. es war rappelvoll. nina queer hatte ihren spass, gab mir jägermeister aus, die jungs wurden immer hübscher, aber das gehört hier nicht her.
zürich fasziniert. die stadt ist so anders als berlin. kleiner natürlich. so pittoresk und aufgeräumt, sauber und adrett. aber das hat charme, weil trotzdem so etwas wie weltläufigkeit zu fühlen, zu atmen ist. überall menschen aus aller welt. und jetzt eben viele viele lesben und schwule und transgender. und die fallen auf, ganz anders als in einer megastadt wie berlin oder köln. in der altstadt – liebevoll “dörfli” genannt – ist eine riesiges stadtfescht aufgebaut, überall bühnen, buden, stände, also viel zu hören, sehen, futtern und trinken. die stadt trägt farbe, was an den regenbogenfahnen liegt. die schweizer haben strenge regeln zur beflaggung. es grenzt an ein wunder, dass die regenbogenfahnen überall flattern - neben der schweizer nationenflagge und der blau-weissen fahne zürichs. in den strassen, auf brücken, sogar an jeder tram, ein zeichen, dass die stadtverwaltung da setzt. ein kleines wunder in einer stadt, wo – toleranz hin oder her – immer noch viele konservative kräfte gegen den europride arbeiteten. hat ja eber nichts genutzt. und die homo-hasser haben jetzt eh die schlechteren karten. mit corine mauch wurde vor ein paar wochen die erste frau in das amt der stadtpräsidentin gewählt, alos der oberbürgermeisterin. sie ist offen lesbisch. klaus wowereit hat sie schon nach berlin eingeladen, wie sie mir bei einem glas weisswein (aus der stadt zürich) erzählte. kluge frau, sehr sympathisch, gut aussehend. was für ein glücksfall: als die europride nach zürich geholt wurde, war ja nicht klar, dass dann, wenn die eurorpide stattfindet, eine lesbische bürgermeisterin das spektakel eröffnet. ein signal soll vom euroride ausgehen, hat corine mauch gesagt. das haut hin: die stadt swingt. es ist ein verdammt gutes gefühl, hier zu sein, dabei zu sein. gelebte toleranz sozusagen.
nina queer übrigens hat die nacht durchgemacht und sass schon morgens um acht im flieger zurück nach berlin. ich bleibe noch. nachher geht es zur pride, abends stehen viele partys auf dem programm. eine stadt im queeren freudentaumel …
ach, fast vergessen: es freitag schien die sonne. seit samstag früh regnet es leider. aber zürich lässt sich die laune nicht vermissen. ich auch nicht. grüezi aus zürich
… so nennen die Züricher ihr Altstadtviertel …
Ab Freitag Abend bin ich vor Ort als einer von 100.000 erwarteten Schwulen und Lesben:
Andreas Hergeth, Chefredakteur des schwulen Magazins DU&ICH.
Bis dann!







