Siegessaeule BlogSchwul-lesbischer Blog für Berlin und Deutschland

Alle Einträge der Kategorie: Berlinale 09

Geliebter Geist in “Ghosted”

Veröffentlich von berlinale am 10. Februar, 2009

1 Kommentar

Die deutsche Künstlerin Sophie (Inga Busch) verliert ihre große Liebe Ai-Ling (Huan-Ru Ke)an einen ungeklärten Tod und beginnt den Verlust mit Hilfe einer Videoinstallation aus glücklicheren Tagen aufzuarbeiten.

Huan-Ru Ke spielt Ai-Ling

Huan-Ru Ke spielt Ai-Ling

Bei der Premiere in Taipeh heftet sich die etwas seltsame und sehr aufdringliche Mei-li an ihre Fersen, die etwas anderes zu sein scheint als sie vorgibt. Sogar zurück in Hamburg hat Sophie keine Ruhe vor ihr.

Ting-Ting Hu spielt Mei-li

Ting-Ting Hu spielt Mei-li

Die interessant verschachtelten Zeitebenen und die wunderschönen Bilder (vor allem aus Taiwan) täuschen jedoch leider nicht über einen großen Schwachpunkt der durchaus bewegenden Geschichte hinweg: Zu viel Geschichte(n) wollen hier erzählt werden, viel zu viel Ideen und bewusst gelegte falsche Fährten stecken darin, die das Publikum immer wieder daran erinnern, was hier erzählt werden soll.

„Eine Mischung aus dem Doppelgängermythos der deutschen Romantik und asiatischer Wiedergängersagen“, fasste es Monika Treut gestern abend selbst zusammen. Und verliert dabei leider ihre Figuren aus dem Blick. Oft genug übernehmen Bilder und Versatzstückchen vom Geschehen die Oberhand, die drei Frauen dagegen werden dem unterworfen. Anstatt sich die Geschichte sich aus den drei Charakteren entwickeln zu lassen, fesselt Monika Treut sie nicht selten an eine Dramaturgie, die für Dokumentarfilme sicherlich unerlässlich ist: Mit Abstand eine Logik zu finden und eine Struktur zu entwickeln, die erst dann eingefüllt wird.

Nichts desto trotz ist „Ghosted“ ein Film, der die Themen Verlust , Trauer und Verarbeitung einmal anders beleuchtet.

Noch zwei Fotos plus ein bisschen Info gibt es hier.

Simone

I kissed a girl – oder „The Countess“

Veröffentlich von berlinale am 10. Februar, 2009

Kommentare deaktiviert

Die meist gestellte Frage an Anamaria Marinca (auch zu sehen in „Sturm“), Darstellerin der Darvulia – zeitweise Geliebte der Gräfin Barthory ist laut eigenen Angaben „Wie war es Julie Delpy zu küssen?

„Das interessiert irgendwie alle, egal ob Frauen oder Männer“, gesteht sie mit breitem Lächeln. Also dann: Wie war es denn nun so? „Ich habe es genossen, wir haben viel gelacht und hatten eine super Zeit, natürlich!“

Natürlich.

Auch Sebastian Blomberg wird scheinbar sehr gerne nach Ähnlichkeiten zu seiner Rolle gefragt. Immerhin ist dieser Graf Vizakna korrupt bis auf die Knochen und vor allem deutlich masochistisch veranlagt. Aber: „Nein“, schüttelt er grinsend den Kopf, „allzu nahe an meinen eigenen sexuellen Vorlieben liegt diese Rolle nicht, aber – naja, es war schon irgendwie toll von Julie verdroschen zu werden.“

Okay …

Nun, in “The Countess”, der Geschichte um Erzebet Barthory gibt es natürlich auch viel Abseitiges zu finden. Die Frau, die jeder zweite aus den Überlieferungen als Blutgräfin kennt (immerhin soll sie in Jungfrauenblut gebadet haben, um ihre Schönheit und Jugend zu konservieren), bekommt hier allerdings ein anderes Gesicht. Leider kein wirklich radikal anderes. Julie Delpy führt den Zuschauer in Zeitraffer durch eine Kindheit und Jugend, die zwischen Abhärtung und Minimalauflehnung bestand, weiter geht’s im Galopp ins Eheleben, drei Kinder, der Tod des Mannes, der damit verbundene Kampf als nicht wiederverheiratete Frau ihre Besitztümer aber auch die Zukunft ihrer Kinder zu organisieren. Und dann – Auftritt Daniel Brühl als Loveinterest. Über 10 Jahre jünger, selbst abhängig von einem Vater, der der Gräfin weniger an die Wäsche als an die Ländereien will. Und schon nimmt das Schicksal ihren Lauf. Erzebet kann nicht umgehen mit der Sehnsucht nach dem Geliebten, opfert alles, gibt sich selbst die Schuld (bzw. ihrem Alter und ihrer vergehenden Schönheit) und wird – unterstützt von diversen Intriganten – zu dem, was wir in etwa aus Geschichtsbüchern kennen.

„Aber wer schreibt denn nun eigentlich Geschichte? Doch die Sieger!“, wird am Anfang zu Recht bemerkt und hätte Julie Delpy aus dieser Grundsatzüberlegung einen konsequenten Film gedreht, dann hätte sie die ganzen 94 Minuten um 74 verkürzt, hätte die Intrige als greifbareres, erlebbares Gegenkonstrukt erzählt und sich womöglich sogar getraut sich noch einen Schritt weiter von der historischen Vorlage zu entfernen. Warum Erzebet denn zum Beispiel nicht aus dem Kerker ihres zugemauerten Schlafzimmers entfliehen lassen. Warum nicht erzählen, wie es hätte weiter gehen können, warum der überlieferten Historie nicht ein Schnippchen schlagen?. Anstatt kleine Abstriche an der Grausamkeit zu machen, kleine Andeutungen, wie ein Plan ausgesehen haben mag, der ihre Manie erst ausgelöst oder unterstützt hätte. Wenn mir jemand erzählt, er drehe einen Film über Rotkäppchen, würde ich immer lieber „Die Zeit der Wölfe“ entdecken, und keine „Ca-Umsetzung“ des Grimmstoffes (immer vorausgesetzt ich bin nicht 6 Jahre alt).

Simone

Robby / Tag 2 – 5

Veröffentlich von berlinale am 9. Februar, 2009

Kommentare deaktiviert

For 51 weeks of the year you could be forgiven for thinking that Berliners would rather sit in their bathrobe drinking coffee at 11am than do any real work. Men in ties and women in powersuits is, thankfully, the exception rather than the norm. But during Berlinale is the only time when the city really ticks; go to Potsdamer Platz and it feels (and sounds) like New York. There is a buzz in the air, people are rushing to their next appointment, there is something going on… even if that next appointment is a film, there is business going on behind the scenes: 20,000 film professionals and 4,200 journalists are in town doing their thing.

Back on Potsdamer Platz on Friday, things were just kicking off. On a recommendation of a friend, I decided to check out LA JOURNÉE DE LA JUPE. Usually, films about earnest teachers trying to impart knowledge on students from depressed circumstances are things I try to steer clear of. This however was not going to be one of those stereotypical films. A rattled French teacher just trying to get through to anyone, breaks down when one of her charges brings a gun to school. Things develop in a slightly unexpected way, but the teacher, now with the gun and the power, is finally able to take control of the class and actually teach something.

Then City of Borders, put the gay community of Jerusalem and the West Bank under the microscope. The city’s only gay bar served as a meeting point for queers across the Israeli-Palestinian divide. It seemed that the bar did manage to unite the opposing sides in some way: Orthodox Jews, Muslims and fundamentalist Christians were able to unite in their hatred toward “the gay”.

And then late that night there was El Niño Pez. In short, rich girl falls in love with her maid, who seems to have several lovers of her own. I wasn’t convinced that the maid loves the rich girl. They make plans to run away together. Someone gets killed. The maid goes to prison. Lots of people die. The catalog’s comparison with Thelma and Louise never really takes off, I found myself wanting the film to end.

Never a good sign.

Saturday: Tram, movie (Pedro), subway, movie (An End of Love), subway, movie (Ghosted), subway, movie (Fucking Different Tel Aviv).

Sunday. Where did my weekend go, and I want/have to watch five films today.

Monday: Things are starting to run together. Was that a transgendered, transnational lesbian romance I saw that took place in Hong Kong and Hamburg? Or was a young Japanese student possibly haunted by her Taiwanese girlfriend? Did I see a young gay man try to escape his wild routine of drugs and partying by blocking out all human contact with those around him by wearing noise cancelling headphones? I need time to sort all this out, I need time to sort the documentaries from the mockumentaries, the reality TV from the movie made about a reality TV star from the made for TV movie. 

So far I feel most impressed with Miao Miao. I can’t be sure if it is simply a bright spot on an otherwise rather bleak and depressing landscape. But I loved the giddy excitement of first love, and the tangled emotions that we all felt as we tried to work out for ourselves who was who and who liked what. I have never been a Taiwanese schoolgirl, but I could relate, somehow.

Eine Weltreise im Kinosaal

Veröffentlich von berlinale am 9. Februar, 2009

Kommentare deaktiviert

Dear readers, please, fasten your seatbelts and prepare for take off…

Nun neigt sich auch der dritte Abend langsam dem Ende. Damit hat die Siegessäule-Jury auch die halbe Strecke erreicht. 3 Tagen, 10 Filme und 6 verschiede Kinos- solange dauerte meine bisherige Reise. Da fragt sich bestimmt der Eine oder der Andere: Was gab’s denn so zum Sehen?

Es gab viele Bilder, die für immer und ewig in der Erinnerung bleiben. Es gab lindernde Soundtracks, die aber jedes Herz zum Tränen brachten. Es gab sowohl die atraktiven Gesichter als auch die Hässlichen- für mich aber blieben sie alle vor allem wahr. Sei es die Brilliante Kate Winslet alias Hanna Schmitz, die man so gerne und sofort in die Armen nehmen möchte, oder auch die stillen Helden und Heldinnen aus Jerusalem, die ständig mit dem Mauer zu kämpfen haben. Da bewunderte man den schwulen Aktivisten namens Pedro, dessen Mut und Energie für immer das Bewusstsein der Menschen verändert hat. Mit dem im “Mammoth” halbnackten Geal Garcia Bernal, dessen alleine das Lächeln mich fast zum Explodieren brachte, wollte man nur noch “analytisch verkehren”. Das brave Mädel Miao Miao erinnerte uns an die erste Liebe, eine Zeit der turbulenten Gefühlen sowie auch bitteren Enttäuschungen.

Zusammenfassend war es eine Reise, in der es um Leben, Leiden und Lieben von „normalen“ Menschen ging.

Umso mehr freue ich mich auf die Reisen, die noch bevorsteht. Denn wer viel reist, erfährt auch viel.

Bis zum nächsten Mal

Eure Tosca/Jurymitglied

Die Welt – ein Dorf

Veröffentlich von berlinale am 8. Februar, 2009

2 Kommentare

Der 7.2. war einer dieser Tage, an denen alles wie magisch zusammenhängt. (Und so viel Sinn ergibt :o )

Morgens: Der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag: „Sturm“ von Hans-Christian Schmid, einer der wenigen Regisseure, die ich behandle als wären sie meine Lieblingsband. Statt unbelauscht einfach alles Neue mit zu nehmen, gehe ich also in sämtliche seine Filme. Völlig egal, wie lange sie dauern mögen ob ich Schauspieler kenne, die mitspielen oder unter welcher Genrebezeichnung sie laufen. Diesmal also ein Politdrama um wirklich sensible Themen: Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, Recht und Gerechtigkeit. Mit der tollen Kerry Fox, die so mancher vermutlich noch aus „An Angel at my Table“ kennt und Anamaria Marinca, die diese Berlinale auch noch in Julie Delphys „The Countess“ zu sehen sein wird. Das einzige, was bei Sturm etwas irritierend ist, ist der Titel. Denn es stürmt nicht, nicht im direkten und auch nicht im übertragenen Sinn. Und das macht auch Sinn, denn hier bläst ganz folgerichtig für die Erzählweise kein Hollywood-Showdown die politische Realität zur Seite.

Direkt im Anschluss – „Fliegen“ mit der unglaublichen Sandra Hüller, die 2006 für „Requiem“ (Regisseur: Hans-Christian Schmid) mit dem silbernen Bären ausgezeichnet wurde, die Hörspielfassung von „Marsmädchen“ von Tamara Bach spricht und gemeinsam mit der Regisseurin Christiane Neudecker die „Ernst Busch Schule“ besuchte – und jene hat letztes Jahr eines meiner Lieblingsbücher geschrieben: „Nirgendwo sonst“. So, und jetzt soll noch mal jemand behaupten, diese Clique wäre nicht unglaublich produktiv und die Welt kein Dorf!

In „Fliegen“ spielt Sandra Hüller die Filmstudentin Sarah, die sich zunächst nur aus professionellen Gründen (sie will einen Dokumentarfilm drehen) auf Dima einlässt, der ein Leben zwischen Kleinkriminalität und drohender Abschiebung führt.

Fliegen auf der Berlinale

Fliegen auf der Berlinale

Nicht nur für einen guten Film sollte man dem Team um Piotr J. Lewandowski gratulieren, sondern auch zu der mutige Entscheidung, diese Geschichte in 26 perfekt getimte Minuten zu erzählen und sich damit zwischen die Stühle zu setzen: Zu lang für die Kurzfilmabteilung, zu kurz fürs abendfüllende Programm. Denn bei so manchem 90-Minüter wünschte ich mir, sie hätten das auch getan anstatt Minuten nur wegen der gewünschten Länge zu schinden.

Simone

Fucking the enemy? – Das Wochenende auf der Berlinale

Veröffentlich von berlinale am 8. Februar, 2009

Kommentare deaktiviert

Bitte fragt mich nicht, welcher Wochentag es ist. Ich habe keine Ahnung! Gestern Nacht bin ich irgendwann vom Goya mit der U-Bahn nach Hause gefahren – und auf halber Strecke eingeschlafen, die Berlinaletasche als Kopfkissen… Gegessen habe ich auch länger nichts und schlafen tue ich im nächsten Leben… Schon nach wenigen Tagen Berlinale hat mich das Filmfieber völlig im Griff – und ich möchte vorerst auch keine Heilung! Ein Cocktail aus Adrenalin und Endorphin jagt durch meine Adern, und je mehr Filme ich sehe, desto mehr möchte ich schauen…unsere Jury-Teamarbeit funktioniert bestens:  Gemeinsam düsen wir vom Potsi zum Zoo, und vom schillernden International zum Colosseum an der Schönhauser Allee. Vom Dokufilm zum experimentellen Kurzfilm, von den USA nach Taiwan, von China nach Hamburg. Wir sehen schwulen Sex, lesbischen Sex, queeren und Trans*sex, wir feiern die RegisseurInnen und mit angereisten SchauspielerInnen, -  und vergießen immer wieder Tränen. Viele Filme gehen einfach direkt ins Herz. So heute “Pedro”, der die Geschichte eines jungen, charismatischen Amerikaners aus Kuba nacherzählt, der Anfang der 1990er Jahre mit nur 22 Jahren an AIDS starb – und in seinen letzten Monaten im “Real World San Francisco”- Haus lebte. Die Plattform der TV-Show nutzte er bis zuletzt um alle Zuschauer über HIV, safer sex und Diskriminierungen aufzuklären.  Schliesslich rief ihn Präsident Bill Clinton auf dem Sterbebett an. Viele Filme die wir sehen handeln von Repressionen gegenüber Homosexuellen, von Diskriminierungen bis hin zu Morddrohungen und Gefängnisstrafen. Ob Hooligans, radikalisierte Jugendgruppen und eine indifferente Polizei in Sarajevo oder die Vertreter der 3 herrschenden Religionen in Jerusalem, die  Hassbotschaften und Sätze wie “God did not create Adam and Steve” verkünden  - die Filme lassen keine Zweifel: Gewalt gegen GLBT Menschen ist weltweit verbreitet. Wer sich für die Situation von queer lebenden Menschen in Israel/Palästina interessiert, sollte umbedingt noch versuchen Karten für “City of borders” und den sehr gelungenen Kurzfilm “Gevald” zu ergattern. Beeindruckt hat mich hier,  wie eng Friedens- und Menschenrechtsgruppen mit den radikal queeren Gruppen vernetzt sind und sich weniger auf interne Grabenkämpfe konzentrieren. Das kenne ich aus Berlin anders. Wie sehr die Politik ins Schlafzimmer vordringen kann, haben die mutigen Hauptdarstellerinnen von “City of borders” gezeigt. Mir war als würde der ganze Kinosaal den Atem anhalten, als Samira im Close-Up erzählt, wie Sie, atheistische Palästinenserin, nach einer heissen politischen Diskussion und ein paar Gläsern zuviel Alkohol mit ihrer jüdisch-israelischen Freundin schläft und sich plötzlich fragt: Am I fucking the enemy?

Doch die gute Nachricht: Sie überwinden ihre Konflikte – und sind in diesen Tagen gemeinsam in Berlin auf der Berlinale unterwegs. Gestern haben Sie nach der Vorstellung noch in eine Bar eingeladen und wir hatten  die Gelegenheit persönlich mit ihnen zu sprechen. Wahnsinnig mutige Frauen. Solchen engagierten Menschen so nahe kommen zu können – das ist ein echter Kick auf der Berlinale!

Lisa Mackenrodt / Jurymitglied ELSE