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Geschenke, Geschenke, Geschenke

Veröffentlich von Katharina Runge am 4. Januar, 2012

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Unser erstes Weihnachten liegt hinter uns. Noch ist Jordan zu klein für glänzende Augen und große Erwartungen. Ich habe festgestellt, dass mich diese Vorstellung auch eher beunruhigt. Dieses bange Warten, ob die Wünsche erfüllt werden, ist mir suspekt. Das Prinzip, bei Kindern Hoffnungen zu wecken, um sie dann großzügig zu erfüllen, finde ich fragwürdig. Vielleicht sehe ich das zu kritisch, aber diese Geschenke-Arien habe ich noch nie gemocht.

Zum Glück ist es Jordan noch herzlich egal, woher die Gegenstände kommen, mit denen er sich befasst. Doch eines Tages wird sich das ändern und ich hoffe ich werde gelassen damit umgehen können. Ich hoffe, dass er sich einfach über seine Geschenke freuen wird und was da alles dranhängt, Dankbarkeit, Liebe und so weiter, das wird er dann auch lernen, so ist nun mal das Leben.

„Für Weihnachten und Geburtstag zusammen“

Bei uns kommt hinzu, dass Jordans Geburtstag und Weihnachten sehr dicht beieinander liegen. Schon während der gesamten Schwangerschaft sagten alle: „Oh, hoffentlich kommt er nicht an Weihnachten.“ Das nervte mich nach einer Weile so sehr, dass ich es selber gar nicht mehr so schlimm gefunden hätte, wenn es passiert wäre. Nun hat Jordan einige Tage nach Weihnachten Geburtstag. Wir hatten uns fest vorgenommen, die beiden Feste streng voneinander zu trennen. Aber schon beim ersten Mal ist es uns nicht so richtig gelungen. An den Weihnachtsfeiertagen besuchten wir die 500 Kilometer entfernt wohnende Familie meiner Frau. Dort bekam unser Kind Geschenke, die „für Weihnachten und Geburtstag zusammen“ gedacht waren. Oder es gab ein extra Geschenk, das aber unbedingt schon ausgepackt werden sollte, weil wir ja an seinem Geburtstag nicht mehr da wären.

Jetzt finde ich das nicht so schlimm, er kann das ja noch nicht so gut auseinander halten. Aber ich möchte nicht, dass an Weihnachten das Schenken schon abgehakt ist und für den Geburtstag nichts mehr oder nur wenig übrig bleibt. Ich fürchte allerdings, es wird sich nicht vermeiden lassen.

Spannend ist das Verbotene

Jordan hat Unmengen an Spielzeug bekommen, wir wissen jetzt schon nicht mehr wohin damit. Wir haben einiges zur Seite gelegt, um es später wieder hervorzuholen, aber auch dadurch ist es nicht merklich weniger geworden. Doch am interessantesten für ihn sind Alltagsgegenstände und Dinge, die er eigentlich nicht in die Finger bekommen soll: Handys, Messer, Gabeln, Schlüssel, kleine verschluckbare Gegenstände und so weiter. Jordan ist jetzt ein Jahr alt und ich habe den Eindruck, dass er alles, was man ihm zum Spielen hinhält, schon genau deswegen langweilig findet. Er scheint für sich herausgefunden zu haben, dass die wirklich interessanten Dinge die sind, die man ihm nicht freiwillig gibt.

Was mein Mutterherz allerdings sehr freut, ist die Tatsache, dass Jordan Bilderbücher mag. Er krabbelt zu seinem Regal, zieht ein Buch nach dem anderen heraus. Wenn er sich für eines entschieden hat, klappt er es umständlich auf, zeigt auf etwas und brabbelt vor sich hin. Ich finde das wunderbar anzusehen. Wann immer mich jemand fragte, was man ihm zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken könne, sagte ich: Bilderbücher sind immer gut, davon kann man nie genug haben. Doch: weder zum Geburtstag, noch zu Weihnachten gab es auch nur ein einziges Bilderbuch! Dieses Phänomen beobachte ich schon seit Jordans Geburt: Die konkrete Äußerung von Wünschen scheint die Phantasie derartig anzuregen, dass am Ende etwas ganz anderes herauskommt.

Mamus und Pappus: fröhliche Namens(er)findung

Veröffentlich von Katharina Runge am 22. Dezember, 2011

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Zusammen sind wir die „Mamus“. Das hat meine Frau eingeführt. Jordans Vater und sein Mann sind die „Pappus“. Ansonsten bin ich die „Mama“ und meine Frau „Mami“. Der Papa ist einfach „Papa“ und sein Mann heißt Ulli. In einer nicht repräsentativen Umfrage in mir bekannten Regenbogenfamilien, bei denen die Kinder bei zwei Frauen aufwachsen, habe ich festgestellt, dass es fast immer so ist, dass die biologische Mutter „Mama“ und die Co-Mutter „Mami“ genannt wird. Nur bei einer Familie heißt die Co-Mutter „Mimi“, das kam irgendwann vom Kind selbst und das finde ich auch eine ganz schöne Lösung.

Ein Freund hat uns zu Jordans Geburt ein Chinesisches Horoskop für ihn gegeben. Da steht drin, dass Jordan darauf achten soll, dass die Beziehung zu seinen Eltern auf einer Eltern-Kind-Ebene bleibt und sich nicht zu sehr hin zu einer Freundschaft entwickelt. Genau deswegen finde ich es wichtig, dass wir als Eltern nicht mit unseren Vornamen angesprochen werden. Wir sind seine Eltern, das ist nun mal eine ganz besondere Beziehung. Zur Elternschaft gehört bedingungslose Liebe genauso wie ein gewisses Maß an Autorität. Freunde können sich zurückziehen, wenn ihnen etwas nicht passt, zwischen uns wird das nicht passieren. Und deswegen finde ich es gut und richtig, dass Eltern nicht beim Vornamen gerufen werden. Zumindest so lange, bis das Kind erwachsen ist. Dann finde ich das mit den Vornamen okay und sogar sinnvoll.

Jordan ist erst ein Jahr alt, noch ist es ihm ziemlich egal wie wir heißen. Seit einiger Zeit sagt er „Mamamamamaaa“, vor allem wenn er wütend ist. Aber erstens glaube ich nicht, dass er jemand Bestimmtes damit rufen will, und zweitens reagieren wir ja eh bei jedem Mucks beide.

Namen erschaffen auch ein Stück Familie

Für Freunde ist es oft schwierig. Sie fragen alle sehr geduldig nach, haben es aber Minuten später schon wieder vergessen. Im ersten halben Jahr war ich immer die „Mama“. Aber seit Steffi Elternzeit macht und den ganzen Tag mit Jordan verbringt, stelle ich fest, dass Freunde und Bekannte sie automatisch als „Mama“ bezeichnen. Ich finde das rührend und freue mich darüber. Vor allem deswegen, weil ich erleichtert bin, zu sehen, dass zwischen den beiden Familienbande entstehen, die auch Außenstehende wahrnehmen.

Ich habe mir darüber im Vorfeld viele Gedanken gemacht. Mein Kind und meine Frau haben biologisch keine Gemeinsamkeiten. Ich wollte auf gar keinen Fall, dass dadurch eine Art Rangordnung entsteht. Auch deswegen entschied ich mich gegen die Vornamen-Variante. Das war außerdem ein Grund dafür, dass ich Steffis Nachnamen angenommen habe. Und deswegen freue ich mich zu sehen, dass es gar nicht so schwer ist, sich als Familie zu fühlen – Biologie hin oder her.

Ebenfalls irritierend: der gleiche Nachname

Aber auch das mit dem gemeinsamen Nachnamen ist für andere immer noch sehr schwer zu verstehen. Immer wieder sind Leute überrascht, dass wir den gleichen Nachnamen haben. Es scheint sich noch nicht rumgesprochen zu haben, dass das bei einer eingetragenen Partnerschaft möglich ist. Und das irritiert keineswegs nur heterosexuellen Menschen. Neulich fragte eine lesbische Freundin sichtlich verunsichert: „Und du firmierst nun also auch unter dem Namen Runge?“ Abgesehen davon, dass ich die Formulierung seltsam fand, war ich echt überrascht. Sie war doch im Standesamt dabei! Seit zweieinhalb Jahren heiße ich so! Sie hat schon mehrfach an unserer Klingel geklingelt, auf der genau dieser eine Name steht. Ich konnte und wollte es ihr nicht übel nehmen, weil sie eine liebe Freundin ist. Sie ist gut zwanzig Jahre älter als ich. Für sie stand so was nie zur Debatte, sie hat sich einfach nie damit auseinandergesetzt und genau so ist es bei der heterosexuellen Mehrheit in diesem Land.

Ob wir das mit „Mami“ und „Mama“ durchhalten, ist fraglich. Sogar wir kommen ständig durcheinander. Aber wir sind überzeugt, dass es sich einspielen wird, sobald Jordan sprechen lernt – und dann gibt es vielleicht noch ganz anderen Namen für uns.

Kann ein Junge Rosa tragen?

Veröffentlich von Katharina Runge am 13. Dezember, 2011

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Als wir mit unserem Sohn vom Krankenhaus nach Hause fuhren, trug er einen rosafarbenen Strampelanzug. Der Moment, in dem wir den Anzug kauften, war irgendwie magisch. Wir sahen ihn im Laden, waren entzückt und beschlossen sofort, ihn für diesen besonderen Moment zu kaufen. Erst als wir ihn das nächste Mal in die Hand nahmen, um ihn in die Krankenhaustasche zu packen, fiel uns auf, dass er rosa war. Also, es war uns natürlich schon vorher aufgefallen, aber erst jetzt dachten wir darüber nach: „Eigentlich“ passte das ja gar nicht. Wir wussten ja schon ewig, dass wir einen Sohn bekamen.

Unser Sohn trägt häufig Rosa, Rot und Violet

Ich bin sehr froh, dass es bei uns im Krankenhaus keine Farbvorgaben gab. Alle Kinder hatten weiße Erstlingsjäckchen an und dazu ein beigefarbenes Moltontuch um die Beine. Weder rosa noch himmelblau war im Krankenhaus zu finden, bis unser Sohn im rosa Strampelanzug steckte – fertig für die Heimfahrt. Ein Kleidungsstück, das wir aufbewahren, um es ihm später zu zeigen und zu erzählen, dass wir ihn in diesem Anzug nach Hause brachten. An diesem Tag sah das kaum jemand und niemand störte sich daran.

In den Wochen danach fiel uns schon auf, dass Fremde, die unseren Sohn in diesem Anzug sahen, davon ausgingen, dass er ein Mädchen sei. Wir korrigierten das geduldig. Auch als er aus dem guten Stück rausgewachsen war blieben wir bei der Farbe. Unser Sohn trägt häufig Rosa, Rot und Violet. Wir finden einfach, dass es ihm gut steht. Himmelblau hat etwas Kühles, das mögen wir gar nicht, Dunkelblau ist okay, Schwarz finden wir für Kinder irgendwie ungeeignet. Gelb steht im auch gut, aber das findet man so selten bei Babykleidung.

Ganz früh wird es ganz wichtig, eindeutig Mädchen oder Junge zu sein – warum nur?

Ich weiß nicht, wie lange wir das noch durchhalten, ihm diese „Mädchenfarben“ anzuziehen. Wenn wir das erklären müssen, ist das okay, das traue ich uns zu. Aber wie ist es für ihn, wenn er mitbekommt, dass die Leute komisch gucken und nachfragen, ob er ein Junge oder ein Mädchen sei? Wie ist es für ihn, wenn er sich immer wieder positionieren muss? Am liebsten wäre es mir sowieso, man würde diese Fragerei nach dem Geschlecht unterlassen. Schon in der Schwangerschaft wird man damit bombardiert und das geht dann fröhlich weiter. Wenn Jordan weder rosa noch himmelblau trägt, und wir auf Leute treffen, die ihn noch nicht kennen, kommt immer die Frage: „Junge oder Mädchen?“ Warum ist das eigentlich so wichtig?

Der Sohn meiner besten Freundin trug eine Zeit lang gerne Kopftücher. Genau genommen waren es Halstücher seiner Mutter. Er liebte es, an die Schublade mit den Tüchern zu gehen, mit ihnen zu spielen und sie sich um den Kopf binden zu lassen. Eines Morgens sollte er mit seinem Vater zum Bäcker gehen und wollte dabei unbedingt ein Kopftuch tragen. Prompt wurde er von der Brötchenverkäuferin für ein Mädchen gehalten. Ihm war das so peinlich, dass er das Kopftuch abnahm und es nie wieder aufsetzen wollte. Ich finde das jammerschade und frage mich, woher dieses Gefühl eines Makels kam. Warum war es ihm überhaupt peinlich, für ein Mädchen gehalten zu werden? Wann und wo wird Kindern eigentlich eingebläut, dass sie ganz eindeutig ein Geschlecht repräsentieren müssen?

Wie wichtig sind Schubladen? Und wer passt überhaupt rein?

Oder ist es doch wichtig für die (Identitäts-)Entwicklung? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube nicht, dass das Leben für uns einfacher wird, wenn wir uns in Schubladen stecken. Aber das sage ich aus der Sicht einer Erwachsenen, die sich – als Lesbe – bereits unendlich viele Gedanken um Identität und Identitätsfindung gemacht hat. Ich erinnere mich aber sehr gut, dass es Phasen gab in meinem Leben, in denen ich so sein wollte wie alle anderen. Einsortierbar in die Kategorien der Leute, von denen ich geliebt werden wollte. Aber ich erinnere mich auch, dass es immer beim Wunsch blieb. Egal, wie sehr ich mich bemühte, ich empfand mich immer als unpassend und „anders“ – vielleicht denkt das ja auch jede ein bisschen von sich selbst. Ich hätte mir die ganze Mühe also auch sparen können.

Was Jordan angeht, werde ich es einfach auf mich zukommen lassen. Eines Tages wird er sich selbst aussuchen, was er anzieht und ich werde ihm weder Rosa noch Röcke verbieten – hoffentlich.

Einerseits – Andererseits. Und Schnuller bleiben einfach blöd.

Veröffentlich von Katharina Runge am 6. Dezember, 2011

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Ja, ja, die Ratgeber. Am liebsten hätte ich sie alle gekauft – das war zumindest während der Schwangerschaft so. Ich wollte ja unbedingt alles richtig machen. Und natürlich wollte ich wissen, was mich erwartet. Dass das nicht möglich ist, beginne ich jetzt erst zu verstehen. Es fing schon mit dem Schwangerschaftsbuch an. Ich griff fast täglich dazu, weil ich furchtbar neugierig darauf war, was in meinem Körper und mit meinem Kind passierte. Allerdings lies das Buch oft auf positive Aussagen sofort etwas Negatives folgen. So gab es Sätze wie: „Die Hormone in dieser Zeit der Schwangerschaft bewirken bei den meisten Frauen ein klares, reines Hautbild, viele leiden aber auch unter Akne und fettigen Haaren.“ Oder: „Viele Frauen empfinden das zweite Drittel der Schwangerschaft als die schönste Zeit. Die Übelkeit der ersten drei Monate ist vorbei und der Bauch ist noch nicht so sehr im Weg wie am Ende der Schwangerschaft. Aber es kann in dieser Zeit auch zu vorzeitigen Wehen und Blutungen kommen.“ Diese ABER fand ich schrecklich.

Wenn nichts hilft und man trotzdem alles probiert

Kurz nach der Geburt, nur wenige Tage nach unserer Rückkehr aus dem Krankenhaus, bekam Jordan einen wunden Po – und der blieb sechs Wochen lang so. Ich habe mir schreckliche Vorwürfe gemacht, dass ich nicht richtig aufgepasst habe. Wir bekamen jede Menge Tipps von der Hebamme, surften im Internet und fragten andere Eltern um Rat. Da kamen hilfreiche, aber auch oft verwirrende Tipps von überall her. So las ich in dem einen Buch, dass man bei wundem Po unbedingt Stoffwindeln verwenden sollte, damit genügend Sauerstoff an die Haut käme. Dann wiederum hieß es, man solle bei wundem Po dringend Einwegwindeln verwenden, weil diese die Feuchtigkeit am schnellsten von der Haut wegtransportierten. Natürlich probierten wir beides. Meine Frau besorgte jede Menge Mullwindeln und zwei Windelhosen aus Schafwolle. Das Ergebnis war, dass unser Kind innerhalb von ein oder zwei Stunden komplett nass war. Die dicke Windelhose bewirkte, dass Jordans Po höher lag als sein Kopf, so dass das ganze Pipi einfach oben aus der Windel den Rücken entlang lief. Ich bewundere alle Menschen, die ihre Kinder so wickeln und ich bewundere unsere Großmütter, die keine andere Möglichkeit hatten.
Ich hielt es nicht für eine gute Lösung. Also kauften wir verschiedene Sorten Einwegwindeln von Bio bis Pampers, auch das änderte nichts. Wir kauften Salben, machten Sitzbäder und legten Heilwolle in die Windel. Stundenlang stand meine Frau bei eingeschalteter Wärmelampe am Wickeltisch und ließ unseren kleinen Liebling mit nacktem Po strampeln. Nach vielen Wochen, als uns die Ideen längst ausgegangen waren, ging es endlich weg.

Auch hatte unser Baby in der ersten Zeit ziemlich viel Bauchschmerzen und weinte entsprechend. Dass wir immer noch ein sehr gelassenes, ruhiges Baby hatten, wurde mir erst bewusst, als ich bei der Rückbildungsgymnastik auf andere Mütter mit gleichaltrigen Babys traf. Aber das half natürlich auch nicht wirklich. Unser Baby hatte Bauchschmerzen und wir wollten alles tun, damit es ihm besser ginge. Also massierten wir Jordans Bauch, trugen ihn im Fliegergriff herum, legten ihm wärmende Traubenkernkissen auf und ich schlief die ganze Nacht mit meiner Hand auf seinem Bauch. Ehrlich gesagt glaube ich, dass nichts davon wirklich etwas an seinem Zustand veränderte. Aber selbst wenn man das weiß, macht man einfach weiter.

Nicht alle Kinder lieben Schnuller! Das weiß ich jetzt.

Dann fand ich ein Buch, dessen Autor versprach, dass mit seiner Methode garantiert jedes Kind beruhigt werden könne. Unseres leider nicht. Es scheiterte schon am ersten Ratschlag: Das Kind fest einwickeln. An sich leuchtete mir das ein und ich hatte das auch schon im Babypflegekurs bei den Anthroposophen gelernt. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit kennt das Kind aus seiner Zeit im Mutterleib, weshalb das feste Einpacken beruhigt. Mehrere gute Freundinnen erzählten mir, dass das bei ihren Kindern super geholfen hat. Als ich es bei Jordan ausprobierte, staunte ich nicht schlecht, wie gut sich ein nur wenige Wochen altes Baby aus dem Tuch winden kann. Das Buch empfahl zwar, das Kind durch Festhalten daran zu hindern, bis es sich daran gewöhnt hat, aber ich brachte es einfach nicht übers Herz. Ein weiterer Bestandteil dieser Methode ist der Schnuller – den verschmäht unser Kind bis heute.

Auch das verwunderte mich, ich dachte alle Kinder würden Schnuller lieben. Ich habe alle Varianten ausprobiert, er konnte mit keinem etwas anfangen. Ich habe auch auf verschiedene Arten versucht, ihm das Nuckeln nahezubringen. Als ich ihn dann eines Tages auf dem Arm hielt und ihm mit schmatzenden Geräuschen das Nuckeln vormachte, erntete ich immerhin sein erstes Lächeln. Die vielen Schnuller benutzt er inzwischen als Spielzeug, er kaut gerne darauf rum, aber zum Beruhigen, findet Jordan, taugen sie einfach nicht.

Rat und Tat: Die erste Zeit zu Dritt

Veröffentlich von Katharina Runge am 30. November, 2011

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Nun war Jordan also da. Die Tage nach der Geburt im Krankenhaus waren wie ein Erholungsurlaub. Meine Frau, mein Sohn und ich bewohnten ein angenehm großes Zimmer. Das Zimmer war nett eingerichtet, auf den Nachttischen standen Salzkristalllampen, die auch nachts wohliges Licht zauberten. Für das Baby stand eine sehr hübsche Wiege aus Holz bereit, die wir jedoch kaum nutzten, weil unser Kind immer direkt bei uns war – entweder bei mir oder bei meiner Frau im Bett.
Jordan war in eine Stoffwindel gekleidet, dazu ein einfaches Hemdchen mit einem klassischen Neugeborenenjäckchen aus weißer Wolle. Um die Beine wurde ein Moltontuch gebunden, in der Nacht wurde das Kind noch einmal in ein großes Tuch gewickelt. Freundliche Kinderkrankenschwestern halfen uns am Anfang und arrangierten all diese Kleidungsstücke – allesamt ohne Knöpfe – so kunstvoll, dass nichts verrutschte. Uns gelang das bis zum Ende unseres Aufenthaltes nicht.

Die ersten Tage: Ruhe, Glück und fachkundige Helferinnen

Fünf Tage blieben wir. Ich hatte noch immer ziemliche Schmerzen und konnte nicht sitzen, aber ansonsten ging es mir prima. Das Stillen machte mir kaum Probleme, ich war nur ein bisschen unsicher. Es war nicht so einfach herauszufinden, ob er satt war oder nicht. Nach einigen Tagen hieß es, dass er zu viel abnähme. Dass Kinder direkt nach der Geburt abnehmen, ist ja normal, bei Jordan war es aber ein Tick zu viel. „Wenn er heute Abend noch weniger wiegt“, hieß es dann plötzlich, „müssen wir zufüttern.“ Aber damit wollte ich gar nicht erst anfangen. Also stillte ich ihn von nun an konsequent alle zwei Stunden. Mit Erfolg: Er musste kein Fläschchen bekommen und noch bevor wir das Krankenhaus verließen rundeten sich seine Bäckchen sichtlich. Ich weiß gar nicht genau warum, aber diese runden Bäckchen erfüllten mich mit Stolz.

Besuch bekamen wir zum Glück nur sehr wenig. Nur Jordans Papa und sein Mann, meine Eltern und unsere besten Freunde und Freundinnen kamen. Ich war froh, dass man uns in Ruhe ließ und genoss die Zeit mit meiner neuen kleinen Familie. Ich fühlte mich bestens versorgt. Zwar freute ich mich darauf, unser Glück in unserer eigenen Wohnung zu genießen, aber bis dahin war ich froh, stets kundige Leute um mich zu haben, wenn ich unsicher war.

Und wie mache ich alles richtig?

Bevor wir das Krankenhaus dann verließen, bekam Jordan die U2 – seine zweite Untersuchung nach der Geburt. Vorher jedoch hielt die Ärztin einen Vortrag, in dem sie erklärte, wie unser Kind am besten schläft, isst und getragen wird. Das Kind solle stets im Dunkeln schlafen. Zum beruhigen solle es leicht gewiegt, nicht geschunkelt werden. Wenn das Kind eingeschlafen sei, solle man sich nicht einfach davon stehlen, sondern dem Kind erklären, dass man nun gehe. Man dürfe niemals den Schnuller oder den Löffel des Kindes ablecken, sonst übertrage man die eigenen Kariesbakterien. Man solle die Kinder nicht in der Babyschale umhertragen, sondern sie auf dem Arm zum Auto tragen und dann in die Schale setzen. (…) Ich war froh, ein paar gute Tipps zu bekommen, denn ich war wirklich sehr unsicher und wollte unbedingt alles richtig machen. Zwar hatte ich schon den einen oder anderen Ratgeber gelesen, einiges im Geburtsvorbereitungskurs und im Babypflegekurs gelernt, aber ich hatte immer noch das Gefühl, ich wüsste nicht, wie es geht.

Von dem Vortrag der Ärztin fühlte ich mich am Ende aber überfordert und fragte mich, ob ich das alles so schaffen würde. Schon beim Verlassen der Klinik widersetzten wir uns den Ratschlägen: Draußen war es kalt, die Babyschale war mit einem wohligwarmen Fußsack ausgestattet, also legten wir unser Baby in die Schale und trugen es darin zum Auto. Erst jetzt begann ich zu verstehen, dass gute Ratschläge nicht immer leicht zu befolgen sind. Und dies war der Anfang meines persönlichen Kampfes mit Ratgebern …

Wie im Film: endlich da!!!

Veröffentlich von Katharina Runge am 22. November, 2011

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Ja, es war wie im Film. Um sechs Uhr morgens stand ich im Badezimmer in einer großen Pfütze und rief nach meiner Frau. Die Fruchtblase war geplatzt. Bereits seit einer Stunde hatte ich im Bett gelegen und versucht, eine Regelmäßigkeit in meinen Wehen zu finden, was mir nicht gelungen war. Die Wehen waren spürbar, aber alles andere als stark. Im Geburtsvorbereitungskurs hatte ich gelernt, dass man ins Krankenhaus fahren soll, wenn die Wehen so stark sind, dass man während der Wehe nichts anderes mehr machen kann, als sie zu „veratmen“. Das war überhaupt nicht der Fall.

Andererseits hatte ich ebenfalls gelernt, eine geplatzte Fruchtblase bedeute, dass der Geburtsvorgang bereits begonnen habe. Also rief ich im Kreißsaal an, um mich anzukündigen, und erhielt die Antwort, die ich erwartet hatte: „Frühstücken Sie erst mal in aller Ruhe und kommen Sie dann so gegen Mittag zu uns.“ Gegen neun Uhr wurde ich unruhig und wollte losfahren. Meine Frau hatte noch immer schlechte Laune wegen des Fehlalarms vor zwei Tagen und sagte: „Nein, die schicken uns ja doch wieder nach Hause.“ Nach einigem Hin und Her sagte ich trotzig: „Bitte, dann nehme ich mir eben ein Taxi.“

Zum zweiten Mal ab ins Krankenhaus – diesmal der Ernstfall!?

Also brachte meine Frau den Babysitz und allen möglichen Krempel ins von der Tante geliehene Auto und packte eine Provianttasche. Dann wackelte ich mit einem Handtuch ausgestopft und mit einem Kissen bewaffnet (kein Fruchtwasser auf die Sitze!) zum Auto. Während der Fahrt wurden die Wehen etwas stärker. Aber als wir im Kreißsaal ankamen, hatte ich ein schlechtes Gewissen: Noch immer brachten die Wehen mich nicht wirklich aus dem Konzept. Ich ging zum Empfang des Kreißsaals, während meine Frau das Auto parkte, und bemühte mich, möglichst schmerzverzerrt zu schauen, um nicht wieder nach Hause geschickt zu werden. Die Hebammen baten mich, noch einmal im Wartebereich Platz zu nehmen. Ich warf einen kurzen Blick auf das rote Sofa, stellte mir vor, wie ich mich aus selbigem wieder hochhieven müsste und behauptete: „Ach, ich möchte lieber stehen bleiben.“

Zum Glück musste ich nur sehr kurz warten. Dann geleitete mich eine sehr sympathische Hebamme in den Kreißsaal. Ich war froh, dass ich mich für dieses anthroposophische Krankenhaus entschieden hatte. Hier im Kreißsaal war es gemütlich, ich fühlte mich richtig gut aufgehoben. Nach einer kurzen Untersuchung stand fest: Der Muttermund ist fünf Zentimeter geöffnet. Im Geburtsvorbereitungskurs hatte ich gelernt: Pro Zentimeter braucht man ungefähr eine Stunde – bis zur vollständigen Öffnung des Muttermunds blieben also noch ungefähr fünf Stunden. Es war inzwischen 11 Uhr vormittags, da ich noch immer keine nennenswerten Schmerzen hatte, stellte ich mich noch auf einige Spaziergänge auf dem Krankenhausgelände ein.

„Neeeeiiiin! ………. “ Keine Zeit für Regeln

Erstmal beschloss ich, auf die Toilette zu gehen. Auf dem Rückweg wurden die Wehen plötzlich stärker. Da mein Kind noch nicht in der richtigen Position war, begann die Hebamme, mit mir einige Übungen zu machen. Doch dann übermannte mich plötzlich der Schmerz. „Neeeeeiiiin!“, brüllte ich durchs ganze Krankenhaus und die Hebamme regte an: „Frau Runge, sagen Sie doch auch mal ja.“ Einmal schaffte ich es noch, dann bat ich um eine PDA, obwohl mir Vollnarkose eigentlich lieber gewesen wäre. Dann ging alles ganz schnell. Keine Zeit für liebevolle Massagen, keine Zeit für Atemübungen, mein Kind wollte JETZT auf die Welt. Und es hielt sich dabei weder an das, was ich im Geburtsvorbereitungskurs gelernt hatte, noch kümmerte es sich darum, dass es nicht richtig lag. Zum Glück bekam ich eine PDA – ja, auch anthroposophische Krankenhäuser verwenden Narkosemittel.

Das Großartigste, was ich je erlebt habe!

Es gab eine kurze Phase der Dramatik, in der das Zimmer voll war mit mehreren Ärzten, einer Ärztin, einer Narkoseschwester und mehreren Hebammen. Zum Glück waren sie ein gutes Team. Mit wenigen Worten und zwar etwas sorgenvollen aber zuversichtlichen Blicken verständigten sie sich und vermittelten uns die nächsten Schritte. Die Saugglocke hätte ich meinem Kind gerne erspart, aber ich hatte das gute Gefühl, dass die Menschen um mich herum wussten, was sie taten und nichts machen würden, was für mich und mein Kind nicht gut wäre. Als mein Kind auf der Welt war, war der Raum schlagartig leer. Man gab uns die Gelegenheit, diesen kostbaren Moment mit unserem Kind zu genießen. Es war das Großartigste, was ich je erlebt habe.

Nach der Geburt fragte ich mich eine Zeit lang, wie Frauen sich dafür entscheiden können, mehr als ein Kind zu bekommen. Wie kann man so etwas mehrfach durchmachen wollen? Zum Glück bleiben diese Gedanken nicht. Was bleibt, ist die Erinnerung an den wunderbarsten Tag im Leben.