Siegessaeule BlogSchwul-lesbischer Blog für Berlin und Deutschland

geistige Diddl-Maus

Veröffentlich von elsejury am 15. Februar, 2012

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Wer naturblöd ist, kriegt das auch durch Denken nicht weg. Das gilt in übertragenem Sinne auch für manche Filme. Stoffe, die naturdoof sind oder umgesetzt werden, rettet auch kein intellektueller Klimmzug. Persönliche Schlechtdraufität oder geistige Diddl-Mäuse kommen mir nicht ins Gehirn. Also Abstimmung mit den Füßen, raus aus dem Kino, gestern zwei mal. So behielt ich den Kopf frei für die zwei beglückenden Erlebnisse des Tages: der erste , Parada, schildert die Organisation eines Gay-Prides in Ex-Jugoslawien, das ganze geschützt von homophoben Ex-Warlords unterschiedlicher Ethnie.  Ich habe gelacht, geweint und was gelernt. Geht nicht bei diesem Thema? geht doch. Hingehen!  Abends dann ein filmischer Baiser: der Tanzfilm ” Leave it on the Floor”: Junger Mann mit Selbstzweifeln gerät in die Ball-Community  von LA und wird dort von ebendiesen durch die Teilnahme an ebendieser geheilt. Schlichter Plot, aber Power Musik und gute Laune, ein Feuerwerk von Vitalität und Kreativität. Es kommt, wie immer, auf die Dosierung an. Aber manchmal kann zuviel des Guten ganz toll sein.

Wilhelm

Vanity Fair

Veröffentlich von elsejury am 14. Februar, 2012

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Was tun, um im Jahrmarkt der Eitelkeiten als Berlinalist eine gute Figur zu machen?

-  telefoniere ständig halblaut und informiere so die Anderen, welche Karten du ergattern konntest, bei welchem “iwent” du als nächstes zugegen sein wirst, nenne alle Filmschaffenden familiär beim Vornamen, auch wenn du kaum weißt, wie man den eigentlich schreibt. Mach das vom Blackberry aus, prepaid-handy geht gar nicht.

- Kleidungsmäßig orientiere dich an  berlin street wear  oder so. Richtschnur: in teuren Kinderarbeitsklamotten so aussehen, als wäre man arm und hätte den nächstbesten Altkleider container geplündert. Merke: T-Shirts mit Botschaft ergänzen defizitäre Persönlichkeiten. Brille ? unbedingt Ray Ban oder Nachbauten. Fällt dir  gar nichts ein, mach die Greco-und- Sartre Nummer. Schwarz geht immer. Und macht schlank.

- trage die Berlinale-Tasche. Anfängerfehler: die diesjährige. Sie outet dich als Berlinale Küken. Kenner bevorzugen ältere Jahrgänge. Sei sparsam mit sonstigen Festival-Devotionalien.

- trage eine Akkreditierungskarte um den Hals, egal welche. Hast du keine, mach dir eine. 

- Aktiviere dein Schulenglisch. Streue enlische Begriffe in deine Sprache ein, sprich von ” kju än ai”, von “fotoschuting”, betone dies aber nicht so doof wie Heidi Dumm.

- iss nur angesagtes junk food.

mor will follo

wilhelm

-

Schlaflos in Niederschönhausen

Veröffentlich von elsejury am 14. Februar, 2012

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Eigentlich sollte ich ja vollkommen durch sein, aber langsam reißt auch mich der Hype so mit, dass ich jetzt, um 2:54 Uhr nachts, trotzdem glockenwach bin.

Nr. 1 der heutigen Filme, “Look at me again” aus Brasilien, hatte von mir Vorschusslorbeeren, weil es dort um einen Transmann ging — ein Thema, das durch “Romeos” und “Boys don’t cry” filmisch bereits kongenial angegangen wurde.

Die Lorbeeren waren aber schnell welkes Grünzeug, da der Film aus meiner Sicht eine Riesenenttäuschung und einfach nur peinlich war. Der Protagonist ging mir von Anfang an mit seinem unverhohlenem Machogehabe und nur schlecht verhohlener Homophobie gelinde gesagt auf den Sack. So sei er Trans*, weil es für ihn undenkbar wäre, Sex mit einem Mann zu haben und er sich unmännlich fühlen würde, wenn jemand denken würde, dass er mit Männern schläft. WT****?! Ich bin auch Trans*, mag u.a. Sex mit Männern, aber wollte dafür im Gegensatz zum Protagonisten z.B. niemals schwanger werden, weil das wohl die brachialste Konfrontation mit physischer Weiblichkeit überhaupt ist. Besonders aber regt mich auf, dass hier wieder sexuelle Orientierung und sexuelle Identität in einen Topf geworfen werden. Liebe Kinder: Nicht jeder Trans*mensch ist hetero, und das ist auch gut so. Punkt.

Leider schlug der Film durch das aufgegriffene Thema “Mutterschaft” dann auch noch ganz eigenartige Brücken zu Genetik und Erbkrankheiten, was ich in Kombination mit dem Trans*thema für grob fahrlässig halte, weil es kruden Theorien Tür und Tor öffnet. Aufklärung geht anders, und die Hauptfigur hat für mich als Transmann ungefähr soviel Identifikationspotential wie der Papst. Fazit: Thema verfehlt, setzen, sechs!

Folgefilm “Bugis Street Redux” war die erste halbe Stunde ganz nett, aber dann anstrengend, weil zu laut und zu schrill. Und die Story strotze nicht wirklich vor Originalität: “Naives Landei gerät in ein billiges Hotel in Singapur mit lauter bunt angemalten Shemales und lernt nach dem ersten Schock hilfreiches über das Leben und die Liebe — bunt anmalen inklusive — sowie die Tatsache, dass auch Frauen mit Penis echte Frauen und tolle Menschen sein können. Sag bloß.

Es folgte “Women de Gushi” (“Unsere Geschichte”) aus der VR China über die Versuche, ein queeres Filmfestival in Beijing zu etablieren. Trauriger Fakt ist natürlich, dass dies auch heute noch torpediert wird. Zwar ist Homosexualität in China nicht (mehr) offiziell verboten; dies aber nur, weil es sie offiziell nicht gibt. Genausowenig wie HIV und Drogenprobleme. Insofern wird die öffentliche Demonstration der Tatsache, dass es eben doch queeres Leben im Reich der Mitte gibt, von der KPCh nicht gerade goutiert. Daher auch hier mein aufrichtiger Respekt gegenüber den Aktivisten für ihren Mut und ihre Beharrlichkeit sowie Dank an das Filmteam für die kurze, aber aussagekräftige Doku.

Morgen geht es schon um 10:30 weiter, was für mich Aufstehen in 5 Stunden bedeutet. Körperlich wird’s langsam anstrengend … der Teint ist auf jeden Fall jetzt schon ruiniert. Aber wann kann man schon so viel in so kurzer Zeit erleben?

Mayk Dorian

Mehr Erkenntnisse…

Veröffentlich von elsejury am 13. Februar, 2012

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1. Von 9h bis 16h zu sichten macht schlappe Netzhäute: Meine konnten das Sonnenlicht dann nicht mehr so ganz schmerzfrei ab.

2. Auch Dokus können einen zum Weinen bringen, und wie! Und zwar zur gleichen Zeit, wie sich eine ganz große Fassungslosigkeit und Wut breit machte bei mir. Auch von mir eine große, lautstarke Empfehlung für “Call Me Kuchu”.

3. Wer den Tatort mit Ulrich Tukur mag, steht möglicherweise auch auf den polnischen Film “Sekret”. Ich kann übrigens Kommissar Murot nicht ausstehen…

Sandra

Hurtz!

Veröffentlich von elsejury am 13. Februar, 2012

2 Kommentare

Sonntag war ein strammer Berlinale-Tag: morgens drei Filme sehr unterschiedlicher Provenienz und Güte hintereinander in der ob ihrer Größe sehr schnell von sieben Juroren leergeatmeten Sichtungsbox. Dann die Doku “Call me Kuchu” – ein Must für alle Brüder und Schwestern, denen der alltägliche Hedonismus nicht alle Latten vom Zaun des politischen Bewußtseins gerissen hat. Vergeßt nie: das  Erreichte wurde  erkämpft und muß aktiv bewahrt und gegen ein Rollback verteidigt werden. Hingehen!

Und am Abend dann “Sekret”, ein Film aus Polen. Dürres Hemd mit billigem Blond im Haupthaar und  Neigung zu steifhüftigem Ausdruckstanz in Kostümen, die der Friedrichstadtpalast schon lange vor der Wende in die Tonne getreten hätte, bewohnt Hütte am See mit Opa. Opa hat Nazi-Vergangenheit. Junge Frau ist deshalb investigativ tätig. Probleme , wechselnde Koalitionen. Nichtverstehen untereinander und erst recht bei mir…… Hurtz!?

Wilhelm

Tiefflüge und echte Heuler

Veröffentlich von elsejury am 13. Februar, 2012

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So. Die letzten beiden Tage muss ich leider zusammenfassen, da ich in einem Ortsteil ansässig bin, auf dessen Nennung die meistgehörte Reaktion “Ach du Scheiße!” ist. Aus diesem Grunde hatte ich mich gestern des Filmpensums wegen bei zentraler wohnenden Freunden eingemietet, denen an dieser Stelle mein herzlichster Dank gilt. Nun hat mich der heimische Rechner aber wieder.

Also: Tag 3 begann mit “Man for a day”, einer Doku über Diane Torr, die u.a. Drag King Workshops veranstaltet. Als einziger Transerich in der Jury fühle ich mich einerseits irgendwie verpflichtet, dazu etwas zu sagen, aber andererseits empfinde ich auch Widerwillen dagegen, und zwar schlicht deshalb, weil Trans* ungleich (großes Ungleich!!) Drag ist. Insofern werde ich es auch bei diesem einen Satz belassen, zumal ich nicht sicher bin, ob derartige Workshops Genderstereotype und genderbinäres Denken nicht noch verfestigen anstatt der Überwindung dieser/s zu dienen. Aber die Beantwortung dieser Frage überlasse ich lieber GenderwissenschaftlerInnen*; das ist ja schließlich nicht umsonst ein ausgewachsenes Studienfach.

Danach sahen wir “Detlef”, ein sympathisches Portrait über den Schwulenaktivisten Detlef Stoffel. Im Vorfeld der Kurzfilm “Zucht und Ordnung” von Jan Soldat (sic!) über schwulen SM-Sex im Alter. Anschluss: “Anak Anak Srikandi”, der interessante Einblicke in lesbisch-queere Lebenswelten in Indonesien bot, aufbereitet mit Elementen aus der klassischen Mythologie Indonesiens, welche als traditionelles Schattenspiel dargeboten wurden. So weit, so nett.

Der letzte Film des Tages hat jedoch alles andere verblassen lassen: “VITO”, ein Dokumentarfilm über den amerikanischen Gay-Rights- und AIDS-Aktivisten Vito Russo. Bei diesem Film hatte ich SEHR nah am Wasser gebaut und ich halte ihn für absolut sehenswert — Reingehen!! Tag vier begann mit 3 Sondersichtungen, über die wir nicht bloggen dürfen, was zumindest in einem Falle gut war, da mir hier die Synonyme für “unterirdisch” ausgegangen wären. Das war ganz schlechtes Tennis, und wir liebäugelten tatsächlich mit der Verleihung eines Pendants zur Goldenen Himbeere. Jurykollege M. schlug “Brünette Tomate” vor, was ich hiermit unbesehen kaufe — grandios!

Nach diesem Absturz kam erneut ein Highlight: “Call me Kuchu” über die LGBTI-Bewegung Ugandas um David Kato, der 2011 ermordet wurde. (Hierzu bitte unbedingt den Blogeintrag von Carmen lesen!) Unglaublich wichtiger Film — Bitte alle, alle reingehen und Taschentücher mitnehmen!!

Danach folgte jedoch leider mein zweiter Anwärter auf die Brünette Tomate: “Sekret”. Hier würde ich die Frage “Ist das Kunst oder kann das weg?” zweifelsohne mit Letzterem beantworten (da fand ich meine Stromrechnung spannender), aber das ist natürlich Geschmackssache, und was verstehe ich schon von Kunst. Morgen geht es zum Glück erst nachmittags los, d.h. heute ist endlich mal Ausschlafen angesagt. (Und wehe, mein Telefon klingelt vor 12!!!)

Mayk Dorian