Siegessaeule BlogSchwul-lesbischer Blog für Berlin und Deutschland

Einträge mit dem Stichwort: Anamaria Marinca

I kissed a girl – oder „The Countess“

Veröffentlich von berlinale am 10. Februar, 2009

Kommentare deaktiviert

Die meist gestellte Frage an Anamaria Marinca (auch zu sehen in „Sturm“), Darstellerin der Darvulia – zeitweise Geliebte der Gräfin Barthory ist laut eigenen Angaben „Wie war es Julie Delpy zu küssen?

„Das interessiert irgendwie alle, egal ob Frauen oder Männer“, gesteht sie mit breitem Lächeln. Also dann: Wie war es denn nun so? „Ich habe es genossen, wir haben viel gelacht und hatten eine super Zeit, natürlich!“

Natürlich.

Auch Sebastian Blomberg wird scheinbar sehr gerne nach Ähnlichkeiten zu seiner Rolle gefragt. Immerhin ist dieser Graf Vizakna korrupt bis auf die Knochen und vor allem deutlich masochistisch veranlagt. Aber: „Nein“, schüttelt er grinsend den Kopf, „allzu nahe an meinen eigenen sexuellen Vorlieben liegt diese Rolle nicht, aber – naja, es war schon irgendwie toll von Julie verdroschen zu werden.“

Okay …

Nun, in “The Countess”, der Geschichte um Erzebet Barthory gibt es natürlich auch viel Abseitiges zu finden. Die Frau, die jeder zweite aus den Überlieferungen als Blutgräfin kennt (immerhin soll sie in Jungfrauenblut gebadet haben, um ihre Schönheit und Jugend zu konservieren), bekommt hier allerdings ein anderes Gesicht. Leider kein wirklich radikal anderes. Julie Delpy führt den Zuschauer in Zeitraffer durch eine Kindheit und Jugend, die zwischen Abhärtung und Minimalauflehnung bestand, weiter geht’s im Galopp ins Eheleben, drei Kinder, der Tod des Mannes, der damit verbundene Kampf als nicht wiederverheiratete Frau ihre Besitztümer aber auch die Zukunft ihrer Kinder zu organisieren. Und dann – Auftritt Daniel Brühl als Loveinterest. Über 10 Jahre jünger, selbst abhängig von einem Vater, der der Gräfin weniger an die Wäsche als an die Ländereien will. Und schon nimmt das Schicksal ihren Lauf. Erzebet kann nicht umgehen mit der Sehnsucht nach dem Geliebten, opfert alles, gibt sich selbst die Schuld (bzw. ihrem Alter und ihrer vergehenden Schönheit) und wird – unterstützt von diversen Intriganten – zu dem, was wir in etwa aus Geschichtsbüchern kennen.

„Aber wer schreibt denn nun eigentlich Geschichte? Doch die Sieger!“, wird am Anfang zu Recht bemerkt und hätte Julie Delpy aus dieser Grundsatzüberlegung einen konsequenten Film gedreht, dann hätte sie die ganzen 94 Minuten um 74 verkürzt, hätte die Intrige als greifbareres, erlebbares Gegenkonstrukt erzählt und sich womöglich sogar getraut sich noch einen Schritt weiter von der historischen Vorlage zu entfernen. Warum Erzebet denn zum Beispiel nicht aus dem Kerker ihres zugemauerten Schlafzimmers entfliehen lassen. Warum nicht erzählen, wie es hätte weiter gehen können, warum der überlieferten Historie nicht ein Schnippchen schlagen?. Anstatt kleine Abstriche an der Grausamkeit zu machen, kleine Andeutungen, wie ein Plan ausgesehen haben mag, der ihre Manie erst ausgelöst oder unterstützt hätte. Wenn mir jemand erzählt, er drehe einen Film über Rotkäppchen, würde ich immer lieber „Die Zeit der Wölfe“ entdecken, und keine „Ca-Umsetzung“ des Grimmstoffes (immer vorausgesetzt ich bin nicht 6 Jahre alt).

Simone

Die Welt – ein Dorf

Veröffentlich von berlinale am 8. Februar, 2009

2 Kommentare

Der 7.2. war einer dieser Tage, an denen alles wie magisch zusammenhängt. (Und so viel Sinn ergibt :o )

Morgens: Der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag: „Sturm“ von Hans-Christian Schmid, einer der wenigen Regisseure, die ich behandle als wären sie meine Lieblingsband. Statt unbelauscht einfach alles Neue mit zu nehmen, gehe ich also in sämtliche seine Filme. Völlig egal, wie lange sie dauern mögen ob ich Schauspieler kenne, die mitspielen oder unter welcher Genrebezeichnung sie laufen. Diesmal also ein Politdrama um wirklich sensible Themen: Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, Recht und Gerechtigkeit. Mit der tollen Kerry Fox, die so mancher vermutlich noch aus „An Angel at my Table“ kennt und Anamaria Marinca, die diese Berlinale auch noch in Julie Delphys „The Countess“ zu sehen sein wird. Das einzige, was bei Sturm etwas irritierend ist, ist der Titel. Denn es stürmt nicht, nicht im direkten und auch nicht im übertragenen Sinn. Und das macht auch Sinn, denn hier bläst ganz folgerichtig für die Erzählweise kein Hollywood-Showdown die politische Realität zur Seite.

Direkt im Anschluss – „Fliegen“ mit der unglaublichen Sandra Hüller, die 2006 für „Requiem“ (Regisseur: Hans-Christian Schmid) mit dem silbernen Bären ausgezeichnet wurde, die Hörspielfassung von „Marsmädchen“ von Tamara Bach spricht und gemeinsam mit der Regisseurin Christiane Neudecker die „Ernst Busch Schule“ besuchte – und jene hat letztes Jahr eines meiner Lieblingsbücher geschrieben: „Nirgendwo sonst“. So, und jetzt soll noch mal jemand behaupten, diese Clique wäre nicht unglaublich produktiv und die Welt kein Dorf!

In „Fliegen“ spielt Sandra Hüller die Filmstudentin Sarah, die sich zunächst nur aus professionellen Gründen (sie will einen Dokumentarfilm drehen) auf Dima einlässt, der ein Leben zwischen Kleinkriminalität und drohender Abschiebung führt.

Fliegen auf der Berlinale

Fliegen auf der Berlinale

Nicht nur für einen guten Film sollte man dem Team um Piotr J. Lewandowski gratulieren, sondern auch zu der mutige Entscheidung, diese Geschichte in 26 perfekt getimte Minuten zu erzählen und sich damit zwischen die Stühle zu setzen: Zu lang für die Kurzfilmabteilung, zu kurz fürs abendfüllende Programm. Denn bei so manchem 90-Minüter wünschte ich mir, sie hätten das auch getan anstatt Minuten nur wegen der gewünschten Länge zu schinden.

Simone