Berlin – man sagt Dir, du habest zu wenig davon. Doch das lässt dich kalt. Du wirfst den Kopf mit einer zackigen Bewegung in den Nacken, die Federboa lässig über die Schulter und eröffnest die 59. Internationalen Berliner Filmfestspiele. Und schon regnet es Glitzer über dem Potsdamer Platz. Auch wenn die Palmen fehlen – da ist er doch, für wenigstens 10 Tage: Der GLAMOUR!
Ein goldenes Händchen bewies Dieter Kosslick, als er sich für den Polit-Thriller “THE INTERNATIONAL” als Eröffnungsfilm entschied, der die mafiösen Machenschaften von Grossbanken im Globalisierungszeitalter thematisiert. Lieber Herr Festivaldirektor, das nenne ich in Zeiten des fast schon Unwortes Finanzkrise perfektes Timing. Mit einem starken, authentisch über die Ungerechtigkeiten der Welt empört wirkenden 3-Tage-Bart Clive Owen als engagiertem Interpol Agenten Salinger kommt Tom Tykwers “THE INTERNATIONAL” Dank des fulminanten Drehbuchs wie nahezu perfekte Unterhaltung daher. Auch wenn Naomi Watts als blonde Staatsanwältin auch nach einer – dann natürlich doch nicht tödlichen – Rolle über die Kühlerhaube noch chronisch frisch geföhnt aussieht, ist der Film ein Augenschmauss. Dabei ist er durchweg hochspannend inszeniert: nach zwei Stunden Händchen halten habe ich schweißnasse Hände. Schön daher die periodisch eingestreuten humorvollen Szenen, in denen der ganze Kinosaal von einer Welle der Entspannung ergriffen wird und für einen kurzen Moment laut auflacht. Wenig zu lachen gibt es sonst angesichts des komplexen, intriganten und eiskalten Handelsnetzwerkes um Millionenbeträge, Waffen und Macht. Letztlich: Macht über Schulden. Dabei bleibt kein Land verschont, alle stecken in diesem düsteren Szenario mit drin: China, Israel, die Türkei. Sogar im Innenhof einer Moschee in Istanbul wird gemordet. Dezent aber endgültig wird Armin Müller-Stahl als gealterte Stasi-Größe hier beseitigt. Allein “Niberia” ist ein fiktiver afrikanischer Phantasiestaat. Nach einer transnationalen Verfolgungsjagd mit Stationen (und Morden) im verregneten Berlin (symbolisiert nicht etwa durch den guten alten Fernsehturm, sondern durch eine Frontansicht des Berliner Hauptbahnhofs), New York, Lyon und Mailand (eindrucksvoll aus der Luft über der Piazza abgefilmt) dann der Action-Showdown im New Yorker Guggenheim Museum. Nach gefühlten zehn Minuten Geballer denke ich nicht nur “es reicht, Jungs” sonder hege auch erste Zweifel, ob der Drehort wirklich der Originalschauplatz war. Nein, erfahre ich später: Das Guggenheim wurde komplett – und täuschend echt – in Potsdam-Babelsberg nachgebaut.
Nach soviel Action verläuft der Rest des ersten Festivaltages eher geruhsam ab. Unser Jurytrupp holt sich die kiloschweren Programmhefte und obligatorischen Festivalaccessoires ab. Damit sind wir weitere sieben rote Punkte in Mitte. Danach basteln wir noch stundenlang an unserem Wochenplan. Wir puzzeln und schieben, alles nach dem Motto: Kino total!
Morgen (Freitag) kommt mit der “Welcome queer Academy- Teddy Propaganda Party” dann die erste offizielle Berlinale-Party dazu. Der Flyer verspricht “the best party for movie creators, movie lovers & party monsters”. Vielleicht sehen wir uns am Nolli, im Goya. Ein bisschen Glamour schadet nie…
Lisa Mackenrodt / Jurymitglied ELSE